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Rat und Stadtbezirksräte

Vorlage - 16-02469-01  

Betreff: Kinderarmut - Wie ernst wurden die Handlungsempfehlungen genommen?
Status:öffentlichVorlage-Art:Stellungnahme
  Bezüglich:
16-02469
Federführend:0500 Sozialreferat   
Beratungsfolge:
Rat der Stadt Braunschweig zur Kenntnis
21.06.2016 
Sitzung des Rates der Stadt Braunschweig zur Kenntnis genommen   

Sachverhalt
Anlage/n

Sachverhalt:

Zur Anfrage der Fraktion DIE LINKE. vom 7. Juni 2016 wird wie folgt Stellung genommen:

 

Zu Frage 1:

 

  • Die Eltern jedes neugeborenen Kindes werden besucht und wertschätzend begrüßt.

 

Das Angebot besteht seit Januar 2013. Grundsätzlich wird allen Eltern eines Neugebo­renen ein Besuchsangebot durch den Fachbereich Kinder, Jugend und Familie unter­breitet. Es werden alle Eltern aufgesucht, sofern der Besuch von den Eltern gewünscht wird. Die Eltern erhalten im Rahmen eines solchen Familienbesuchs gezielte Informa­tionen, z. B. über bestehende Betreuungsangebote im Wohnumfeld, aber auch über spezifische Förder- und Unterstützungsangebote für Babys und Kleinkinder.

 

Im Jahr 2013 nahmen 75 %, im Jahr 2014 77 % der Eltern das Angebot an. Im Jahr 2015 konnten nur 55 % der Eltern erreicht werden, da die personellen Ressourcen der zustän­digen Stelle eingeschränkt waren.

 

  • Familienhebammen und nach Bedarf später Familienkrankenschwestern mit sozialpädagogischer Qualifikation besuchen je nach Bedarf regelmäßig Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf.

 

Der Fachbereich Kinder, Jugend und Familie bietet sowohl Unterstützung durch speziell ausgebildete Familienhebammen, als auch durch ein spezifisch auf junge Familien mit Unterstützungsbedarf ausgerichtetes Hausbesuchsprogramm an.

 

Der Fachbereich kann vier Familienhebammen vermitteln sowie zwei Hebammen im sogenannten „Hausbesuchsprogramm“ zur Verfügung stellen (Tandem aus Familien­hebamme und sozialpädagogischer Fachkraft).

 

Im Jahr 2013 wurden so insgesamt 100 Familien betreut. Im Jahr 2014 erreichte das Angebot 212 Familien, und im Jahr 2015 konnten 108 Familien mit diesem Hilfsangebot unterstützt werden.

  • Förderung von Bewegungsangeboten in allen Kitas, Familienzentren und Stadtteilen
  • Reduzierung der Gruppenstärke oder Verbesserung des Personalschlüssels in Kitas und Familienzentren, angepasst an den Bedarf der Stadtteile.

 

In allen städtischen Kindertagesstätten sind regelmäßige Bewegungsangebote konzeptio­neller Bestandteil. Darüber hinaus besteht in den Einrichtungen für alle Kinder über die Nutzung von Bewegungsbaustellen, Multifunktionsräumen und großzügiger Außen­gelände je nach individuellen Bedürfnissen die Möglichkeit zur Bewegung.

 

In der Stadt Braunschweig waren entsprechend der politischen Beschlusslage zum Jahresende 2015 in Stadtteilen mit besonderem Förderbedarf insgesamt zehn Familien­zentren eingerichtet.

 

Darüber hinaus hat der Rat der Stadt inzwischen beschlossen, flächendeckend Familien­zentren in Braunschweig einzurichten und mit dem noch im Jahr 2016 beginnenden weiteren Ausbau von zunächst vier Familienzentren auf insgesamt 25 entsprechende Ein­richtungen bis zum Jahr 2024 zu kommen.

 

In Stadtteilen mit besonderem Förderbedarf wurden zur Verbesserung der Betreuungs­qualität (Abbau von Bildungsbarrieren und Verhinderung der Auswirkungen von Kinder­armut in Braunschweig) zusätzliche Fördermittel in den Haushalt eingestellt (2012: 400.000 EUR; 2013 f.: 960.000 EUR).

 

Im Stellenplan der Stadt Braunschweig stehen für städtische Einrichtungen in den Stadt­bezirken 221 Weststadt, 310 Westliches Ringgebiet und 331 Nordstadt insgesamt 202,5 Wochenstunden, für Einrichtungen im Stadtbezirk 131 Innenstadt insgesamt 42,5 Wochenstunden zur Verfügung.

 

Über die Heinz und Heide Dürr-Stiftung wird eine halbe Personalstelle für eine/n Sozial­pädagogin/-pädagogen zur Einführung der pädagogischen Arbeit nach dem Early Excellence-Ansatz in Braunschweiger Kindertagesstätten/Familienzentren finanziert.

 

Eine Reduzierung der Gruppenstärke erfolgt im Rahmen der Aufnahme und Betreuung von sogenannten „Integrationskindern“. Je nach Anzahl der zu betreuenden Kinder mit Behinderungen oder drohenden Behinderungen kann die Gruppenstärke in Kindergarten­gruppen auf 18 bzw. 20 Plätze reduziert werden, in integrativen Krippengruppen (abhängig von der Anzahl der Kinder mit Behinderung) auf zehn bzw. zwölf Kinder.

 

Bei erforderlicher Einzelintegration werden zusätzlich im Umfang von 12,5 Wochen­stunden heilpädagogische Fachkräfte eingesetzt.

 

Die Stadt Braunschweig beteiligt sich an den Bundesprogrammen „Offensive Frühe Chancen: Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration“ sowie „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“.

 

Beteiligung einer städtischen Fachberaterin am Schulungsprogramm „Resilienz­förderung“.

 

Einsatz von Finanzmitteln aus dem Braunschweiger Fonds für Kinder und Jugendliche:

 

-       Förderung einzelner Kita-Kinder in besonderen Notlagen
(z. B. Ausflüge, Rückstände beim Mittagessenentgelt)
 

-       Finanzierung von Projekten
(Zirkuswagen Kita Frankfurter Straße, Krippenwagen Kita Leibnizplatz)


  • Einrichtung eines Schulmittelfonds, der auch alle Verbrauchsmittel erfasst. Dabei muss eine Stigmatisierung durch bürokratische Teilnahmevoraussetzungen verhindert werden.

 

Bedürftige Kinder werden an den Braunschweiger Schulen mit einem Schulbudget aus dem Braunschweiger Fonds für Kinder und Jugendliche unterstützt. Pro gemeldetem Kind stehen 15 EUR/Schuljahr für eine Förderung der sozialen und kulturellen Teilhabe und zur Unterstützung bei Schulmaterialien zur Verfügung. Aus dem Braunschweiger Fonds werden ebenfalls Kinder und Jugendliche in Notlagen unterstützt. In 2015 wurden dafür knapp 10.000 EUR aufgewendet.

 

  • Jedem Kind wird ermöglicht ein Instrument zu lernen.

 

Der Braunschweiger Fonds für Kinder und Jugendliche unterstützt Kinder und Jugend­liche auch im Bereich der Einzelfallhilfe. Ein flächendeckendes Programm bezogen auf eine allgemeine Musikförderung gibt es nicht.

 

  • Deutliche Vereinfachung des Zugangs zum „Bildungs- und Teilhabepaket“ und Kriterien der Anspruchsberechtigten überarbeiten.

 

Mit dem Jobcenter Braunschweig wird derzeit das Verfahren bezüglich der Umsetzung des Bildungs- und Teilhabepaketes abgestimmt. Die Gespräche sind noch nicht abge­schlossen.

 

  • Schulsozialarbeit an jeder Grund- und Förderschule.
  • Aufsuchende Arbeit mit Jugendlichen, die vom Übergangsmanagement nicht erreicht werden.

 

Kommunal finanzierte Schulsozialarbeit ist an sechs Grundschulen verstetigt worden und trägt an den Standorten Altmühlstraße, Bebelhof, Diesterwegstraße, Heidberg, Hohestieg, Lamme und Rheinring dazu bei, die Teilhabe-Chancen von benachteiligten Kindern zu erhöhen.

 

An Förderschulen gibt es bisher Schulsozialarbeit im Umfang einer vollen Stelle an der Astrid-Lindgren-Schule. Diese Stelle ist halb aus Landesmitteln und halb aus kommunalen Mitteln finanziert und läuft Ende des Jahres 2016 aus.

 

Im Bereich Übergangsmanagement wird das erfolgreiche Unterstützungsangebot der Kompetenzagentur weitergeführt. Das Angebot der Praxisklasse an der HS Sophien­straße unterstützt seit zwei Jahren Jugendliche mit besonderen Hemmnissen beim Über­gang ins Berufsleben. Im Rahmen des Förderprogramms Jugend stärken im Quartier wird seit dem letzten Jahr für den Förderzeitraum bis 2018 im Rahmen des Projektes Kompe­tenzagentur PLUS erprobt, Jugendliche, die von bestehenden Angeboten nicht erreicht werden, mit Hilfe aufsuchender Sozialarbeit zu erreichen. Aktuell wird eine weitere über eine Stiftung finanzierte Praxisklasse an der HS Pestalozzistraße eingerichtet.

 

Weiterhin ermöglicht im Bereich der Ferienfreizeiten die neu eingeführte Geschwister­ermäßigung auch Familien mit mehreren Kindern eine kostengünstige Teilhabe. Diese Ermäßigungsform ist stark nachgefragt. Auch im Bereich Ferien in Braunschweig (FiBS) ist eine zusätzliche Förderung eingerichtet worden, die die Träger von Angeboten explizit für die Teilhabe sozial benachteiligter Kinder einsetzen sollen. Viele bestehende besonders niedrigschwellige Angebote der Jugendförderung wie u. a. die offene Kinder- und Jugendarbeit mit ihren 31 Jugendeinrichtungen in Braunschweig tragen dazu bei, allen Kindern und Jugendlichen unabhängig von Herkunft und sozialer Lage gleich­berechtigte Teilhabe- und Bildungsmöglichkeiten zu bieten.


  • Kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs für alle betroffenen Jugendlichen in schulischen und sonstigen (Aus-)bildungsmaßnahmen

 

Der Stadtjugendring JURB und der Stadtelternrat sind im Nachklang zu den Ergebnissen der Jugendkonferenzen der Jugendförderung aktiv. Nach gemeinsamen Lösungen wird gesucht.

 

Deutlich wird, dass von Armut betroffene Kinder und Jugendliche sowohl im Blickpunkt der Arbeitsfelder der Jugendhilfe (Kindertagesbetreuung, Schulsozialarbeit, Kinder- und Jugend­arbeit, Übergang Schule in den Beruf) als auch im Fokus des Braunschweiger Fonds für Kinder und Jugendliche stehen und im Rahmen der vorhandenen Ressourcen entspre­chende Förderung und Unterstützung erfahren.

 

Zu Frage 2:

 

Die Ursachen von Kinderarmut können nur in sehr begrenztem Maße auf kommunaler Ebene beeinflusst werden. Der Schwerpunkt des Kommunalen Handlungskonzeptes Kinderarmut „Braunschweig für alle Kinder“ liegt somit in der Linderung von Armutsfolgen und in der Armutsprävention.

 

Für eine systematische Vorgehensweise bei der Umsetzung des Handlungskonzeptes Kinderarmut wurde das Modell einer Präventionskette entlang den Altersstufen von der Schwangerschaft bis zum Übergang in den Beruf zugrunde gelegt. Die bestehenden Angebote werden unter dem Aspekt der Linderung der Armutsfolgen bzw. der Stärkung der Bildungs- und Entwicklungsgerechtigkeit untersucht und weiterentwickelt. Neue Projekte werden entsprechend den Bedarfen entwickelt und zu einer Umsetzung geführt. Dieses Verfahren hat sich bewährt und wird weiterhin beibehalten und weiterentwickelt.

 

Mit dem Beirat Kinderarmut und dem Präventionsnetzwerk sind tragfähige Strukturen entwickelt worden, die erfolgreich zu dem Thema Kinderarmut arbeiten. Träger- und institutionsübergreifend verzahnen sich so die unterschiedlichen Kompetenzen, um gemeinsam Rahmenbedingungen zu gestalten, die den Kindern und Jugendlichen der Stadt und besonders denen, die armutsgefährdet oder von Armut betroffen sind, ein gelingendes Aufwachsen ermöglichen.

 

Aus dem Braunschweiger Fonds für Kinder und Jugendliche werden jährlich ca. 100.000 EUR für die unmittelbare Hilfe für von Armut betroffene Kinder und Jugendliche eingesetzt (Schul- und Kita-Budget, Einzelfallhilfe und Mittagessendefizitausgleich). Mittelbare Unterstützung aus dem Fonds erfolgt durch die Förderung von Projekten mit Angeboten für Kinder und Jugend­liche aus sozial benachteiligten Familien.

 

Der unter dem Stichwort Resilienzförderung eingeschlagene Paradigmenwechsel in der Armutsbetrachtung ist im Beirat Kinderarmut erarbeitet und vom Präventionsnetzwerk mitgetragen worden. Für die zwei großen Sozialisationsfelder der Kindertagesbetreuung und der Schule ist das Konzept „Starke Kinder und Jugendliche in Braunschweig“ entwickelt worden, das auf struktureller und institutioneller Ebene Veränderungen zugunsten einer expliziten Stärkung von Kindern und Jugendlichen ermöglichen soll. Die Förderung von Resilienz, Selbstwertstärkung und Soziales Lernen stehen dabei im Fokus ebenso wie die Aspekte Haltung und Wertschätzung.

 

Zu Frage 3:

 

Schwerpunkt der Arbeit des Beirats und der Verwaltung ist die Entwicklung und Umsetzung des Konzeptes Starke Kinder und Jugendliche in Braunschweig“, das aus den Mitteln des Braunschweiger Fonds für Kinder und Jugendliche finanziert wird.


Dieses beruht auf zwei Säulen:

 

  • Implementierung des Early-Excellence-Ansatzes in Familienzentren

 

Alle elf Braunschweiger Familienzentren in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungs­bedarf (Nordstadt, Weststadt, Westl. Ringgebiet, Viewegs Garten/Bebelhof) nehmen an dem Projekt teil. Sowohl die Leitung als auch das gesamte Team werden innerhalb eines Zeitraumes von ca. zwei Jahren geschult und begleitet.

 

Early Excellence ist ein für Familien in schwierigen Lebensverhältnissen entwickeltes hochwertiges Unterstützungs- und Bildungsangebot. Die Angebote orientieren sich an den individuellen Bedürfnissen von Familien unabhängig von ihrer sozialen bzw. kulturellen Herkunft.

 

  • buddY-Programm BRAUNSCHWEIG – Aufeinander achten. Füreinander da sein. Miteinander lernen. Erfolgreiche Wege für mehr Bildungschancen.

 

An sechs Braunschweiger Schulen soll das Programm, für das sich alle Schulen bewerben können, über einen Zeitraum von 2,5 Jahren durchgeführt werden.

 

Das buddy-Programm BRAUNSCHWEIG ist speziell unter der Berücksichtigung des Kinderarmutsaspektes entwickelt worden und setzt an der jeweils vorherrschenden spezifischen Schulkultur an.

 

Es vermittelt den Pädagoginnen und Pädagogen eine Haltung, die Verantwortungs­übernahme von Schülerinnen und Schülern begünstigt, und gibt ihnen Instrumente an die Hand, die individuellen Problembereiche ihrer Schule zu bearbeiten, die gemeinsam mit den Schülern lokalisiert worden sind. Für diese Anwendungsfelder werden umsetzbare, dem Bedarf und den Ressourcen jeder Schule angepasste Maßnahmen erarbeitet. Vor­handene Projekte werden einbezogen und unter dem Aspekt der Peergroup-Education ergänzt und erweitert.

 

Folgende weitere Maßnahmen sind im Bereich der Kindertagesbetreuung vorgesehen:

 

Der Ausbau auf eine flächendeckende Versorgung mit Familienzentren in Braunschweig bis zu einer Anzahl von mindestens 25 Einrichtungen wird noch in 2016 fortgesetzt.

 

Der Einsatz von Drittkräften in den Krippengruppen wird durch verstärkte Fachkräfteakquise vorangetrieben.

 

Die Implementierung von multiprofessionellen Teams in Kindergartengruppen wird träger­übergreifend thematisiert, abgestimmt und konzeptionell verankert.

 

Die Sprachbildung/-kompetenz wird als bedeutsamer Teil der Kindertagesbetreuung über die Fortsetzung der bereits installierten Förderprogramme nachdrücklich und nachhaltig umge­setzt.
 

 


Anlage/n:

keine

 

 

Stammbaum:
16-02469   Kinderarmut - Wie ernst wurden die Handlungsempfehlungen genommen?   0100 Referat Steuerungsdienst   Anfrage (öffentlich)
16-02469-01   Kinderarmut - Wie ernst wurden die Handlungsempfehlungen genommen?   0500 Sozialreferat   Stellungnahme