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Rat und Stadtbezirksräte

Vorlage - 16-02890-01  

Betreff: Sachstandsanfrage zum Prüfantrag "Essbare Stadt"
Status:öffentlichVorlage-Art:Stellungnahme
  Bezüglich:
16-02890
Federführend:DEZERNAT VII - Finanzen, Stadtgrün und Sportdezernat   
Beratungsfolge:
Grünflächenausschuss zur Kenntnis
30.08.2016 
Sitzung des Grünflächenausschusses (offen)   

Sachverhalt
Anlage/n

Sachverhalt:


Zur Anfrage der Fraktion der Piratenpartei vom 15.08.2016 (DS 16-02890) wird wie folgt Stellung genommen:

 

Die Verwaltung hat sich zum Thema „Essbare Stadt“ im vergangenen Jahr einen Überblick über entsprechende Projekte verschafft, die in anderen Kommunen bestehen.

 

Gemeinsam haben die überwiegende Anzahl aller Projekte, dass sie aus bürgerschaftlichem, privaten Engagement entstanden sind. Zielstellung ist häufig der Wunsch nach Eigenproduktion von gesundem Gemüse, der Schaffung eines gemeinsamen nachbarschaftlichen Projektes  zur Stärkung der Stadtteilidentität oder aber auch dem Schutz freier Flächen in dichtbebauten Stadtteilen vor weiterer Bebauung.

 

Initiierung der Projekte

 

Die konkrete Umsetzung solcher Projekte erfolgt häufig aus bürgerschaftlichem Engagement heraus durch Gründung von eingetragenen Vereinen. Zur Durchführung des jeweiligen Projektes werden geeignete Flächen im umliegenden Quartier gepachtet und bewirtschaftet. In der Regel werden diese Flächen eingefriedet, um einerseits einen sicheren Schutz vor Vandalismus und Diebstahl der Nutzpflanzen bieten zu können, aber auch einem wirksamen Schutz vor Kaninchen, Wühlmäusen und Wanderratten sowie freilaufenden Hunden und Katzen zu gewährleisten.

 

Zusätzlich erfolgt das Anpflanzen des Obstes und des Gemüses häufig in Hochbeeten, um Auswirkungen möglicher Schadstoffbelastungen des anstehenden Bodens auf die Nutzpflanzen auszuschließen.

 

Lediglich in einigen wenigen Fällen erfolgte die Projektinitiierung durch die Kommune durch das Anpflanzen essbarer Nutzpflanzen im öffentlichen Grün. Beispielhaft sei hier die Stadt Andernach (ca. 30.000 Einwohner) genannt, die seit dem Jahr 2010 den Schlossgraben im Stadtzentrum mit Obst und Gemüse bepflanzt. Die Nutzung und das Ernten der reifen Früchte ist jederzeit gestattet.

 

In persönlichen Gesprächen zwischen Vertretern des Fachbereichs Stadtgrün und Sport sowie der Stadt Andernach im März 2015 stellte der Vertreter Andernachs das Konzept vor. Die zeit- und kostenintensive Pflege der Nutzpflanzen kann nicht durch städtisches Personal oder interessierte Bürger ausreichend gewährleistet werden. Die Pflege erfolgt weitestgehend durch die örtliche Langzeitarbeitslosen-Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft.

 

Um die Beschäftigten dieses Projektes fachlich anleiten zu können, wurden seitens der Stadt Andernach pflegeintensive und repräsentative Wechselbepflanzungen mit Sommerblumen und Stauden eingestellt und in Gebrauchsrasenflächen umgewandelt. Die dadurch entstandenen zeitlichen Freiräume der städtischen Gärtner werden zur Betreuung und fachlichen Anleitung des Projektes genutzt.

 

Eine vergleichbare Handhabung und Umsetzbarkeit in Braunschweig ist nicht möglich. Eine Pflege bzw. Betreuung solch eines Projektes ist aufgrund der Einsparungen im grünpflegerischen Bereich und daraus folgend fehlender personeller und finanzieller Ressourcen nicht darstellbar. Weiterhin werden ähnlich kosten- und pflegeintensive sowie repräsentative Bereiche wie Wechselbepflanzungen in Braunschweig aufgrund des hohen Pflegeaufwands bereits seit vielen Jahren nicht mehr angelegt, mit Ausnahme einer Fläche vor dem Staatstheater.

 

Bestehende Projekte in Braunschweig

 

Essbare Früchte im urbanen Raum - Ernten erlaubt

 

Das Konzept einer „Essbaren Stadt“ ist in Braunschweig grundsätzlich nicht neu. Bereits seit mehreren Jahrzehnten werden im gesamten Stadtgebiet Bäume mit essbaren Früchten gepflanzt, die von den Bürgerinnen und Bürgern geerntet werden können. Bei den häufigsten seitens der Verwaltung verwendeten Obstbaumarten im Braunschweiger Stadtgebiet handelt es sich um Apfel, Birne, Kirsche, Aprikose, Pflaume, Mirabelle, Esskastanie, Walnuss und Haselnuss. Im Braunschweiger Stadtgebiet befinden sich knapp 900 Bäume der genannten Arten mit essbaren Früchten sowie zahlreiche Obstwiesen. Hinzu kommt eine Vielzahl von Beerensträuchern mit essbaren Früchten, die sich im gesamten Stadtgebiet in hoher Anzahl auffinden lassen. Nur beispielhaft seien hier Brombeeren, Holunder, Speierling, Schlehen, Hagebutten und Kornelkirschen genannt. Hinzu kommen eine Fülle essbarer und gesundheitsfördernder Wildkräuter im gesamten Stadtgebiet.

 

Der Garten an der Ruhrstraße – „Urban gardening“ des Fachbereiches Stadtgrün und Sport seit dem Jahr 2008

 

Im Jahre 2008 wurde durch den Fachbereich Stadtgrün und Sport eine Brachfläche im Bereich Querum mit einer Infrastruktur (Wege, Obstbäume, Obststräucher, Bauwagen, Sitzplätze, Einfriedungen, Tore) versehen und in einen ökologischen Nutzgarten umgewandelt. Ziel war es, einen „Garten für jedermann zu initiieren“, der den Konzepten, die sich hinter den Schlagworten „Essbare Stadt“ oder „Urban gardening“ verbergen, am weitesten entspricht. Nach Herrichtung des Gartens wurde eine Nutzungsvereinbarung mit „Parkbank e. V.“ (Initiative ehemaliger Obdachloser) getroffen und für dessen Aktion „Kinder in Armut“ zum Anbau von Obst und Gemüse zum Gebrauch übergeben. Der Verein und ihm angeschlossene Familien beabsichtigten, gemeinsam mit ihren Kindern auf naturnahem Wege Gemüse und Obst zu kultivieren und für den eigenen Gebrauch zu ernten.

 

Dieser Verein sah sich jedoch schon nach Ablauf eines Jahres aufgrund des geringen Interesses seiner Mitglieder nicht in der Lage, den o. g. Garten dauerhaft zu nutzen. Trotz intensiver Werbung zur Nachnutzung des Gartens in der Öffentlichkeit sowie in Schulen und Kitas gelang es über Jahre nicht, einen neuen Nutzer für den Garten zu gewinnen. In einer Übergangsphase wurde der Garten im Rahmen einer Eingliederungsmaßnahme von Langzeitarbeitslosen der städtischen Gärtnerei Riddagshausen genutzt. Im Jahr 2011 wurde dieses Projekt aufgrund von verringerten Mittelzuweisungen an das Jobcenter eingestellt.

 

Erst im Jahr 2014 konnte erneut eine Nutzungsvereinbarung mit dem „Verband alleinerziehender Mütter und Väter - Ortsverband Braunschweig e. V. (VAMV OV BS e. V.)“ geschlossen werden.

 


Aufgrund der bislang gemachten Erfahrungen mit dem o. g. Nutzgarten an der Ruhrstraße ist die Errichtung von allgemeinen und für jedermann zugänglichen ökologischen Nutzgärten auf städtischen Brachflächen/Grünflächen nur mit erheblichem Aufwand an Planungsleistung, Personal und Haushaltsmitteln durchzuführen, die in keinem Verhältnis zum eigentlichen Nutzen stehen. Die Akquirierung interessierter Vereine, Schulen, Kitas oder Personen aus der Bürgerschaft gestaltete sich über Jahre als äußerst schwierig. Darüber hinaus wären nach hiesiger Einschätzung für weitere Projekte eine stetige fachliche Anleitung bzw. Betreuung sowie Kontrolle und Organisation der potentiellen Nutzer unumgänglich. Dieser Aufwand kann seitens der Verwaltung - ebenfalls aufgrund mangelnder Ressourcen - nicht betrieben werden.

 

Schul- und Bürgergarten

 

Bereits im Jahr 1919 entstand durch die Stadt Braunschweig unter Leitung des Stadtgartendirektors Michael ein zentraler Liefer- und Lehrgarten für alle Schulen der Stadt sowie zur gärtnerischen Weiterbildung und Naherholung für die Einwohner. Neben einer Vielzahl von Anzuchtbeeten, Zier- und Schmuckstaudenbeeten bot der damalige Hauptschulgarten u. a. Heil- und Giftpflanzenabteilungen, einen Bauerngarten sowie Nutzpflanzenabteilungen, die der Öffentlichkeit zur Verfügung standen und dem pädagogischen Leitbild zum „selbstverantwortlichem Handeln in heimischen Lebensräumen“ folgten.

 

Dieser Aufgabenstellung folgt der damalige Hauptschulgarten bis heute, welches auch durch die Umbenennung im Jahr 1978 in Schul- und Bürgergarten verdeutlicht wird. Seit 1993 ist die im Schul- und Bürgergarten vorhandene Biologiestation als regionales Umweltbildungszentrum anerkannt und bietet ideale Voraussetzungen für Naturerkundungen und Freilandarbeit. Die bis heute erhaltenen systematischen Themenbeete wie die Heil- und Gewürzpflanzen- sowie die Gemüse- und Kräuterabteilungen bieten Gelegenheit zum gemeinsamen Gärtnern. Im Rahmen der äußerst begrenzt vorhandenen personellen Ressourcen des Fachbereiches Stadtgrün und Sport kann im Sinne des ursprünglichen Auftrags des Schul- und Bürgergartens fachliche Hilfestellung bei der Heranführung von interessierten Bürgerinnen und Bürger an das Kultivieren von Nutzpflanzen für den Eigenverbrauch geleistet werden.

 

Interkultureller Garten

 

Der interkulturelle Garten ist Teil des Kleingartenvereins Heideland e. V. Hier begegnen sich in erster Linie Flüchtlinge, die in Braunschweig leben, sowie deren Angehörige und Freunde. Neben den gärtnerischen Tätigkeiten sowie in kleinerem Rahmen dem Anbau von Obst und Gemüse, gibt es die Möglichkeit, an informellen Treffen und regelmäßigen Veranstaltungen teilzunehmen.

 

Stadtgarten Bebelhof

 

Der Braunschweiger Gemeinschaftsgarten der Volkshochschule liegt auf einer städtischen Fläche im Stadtteil Bebelhof in der Schefflerstraße. Er umfasst eine Vielzahl von Hochbeeten mit Gemüse, Kräutern, Obststräuchern und -bäumen sowie den Kartoffel- und Tomatenanbau in Reissäcken. Es gibt Gemeinschaftstage sowie Workshops u. a. zum Imkern und Gärtnern.

Das Projekt wird durchgeführt von der Volkshochschule und wird vom Fachbereich Stadtgrün und Sport unterstützt.

 


Garten ohne Grenzen

 

Das Projekt entstand in Kooperation zwischen der Stadt Braunschweig, der AWO und dem Caritasverband. Es richtet sich vorrangig an Menschen, die vor Jahren oder Jahrzehnten aus unterschiedlichen Ländern nach Deutschland gekommen sind und jetzt das Rentenalter erreicht und hier „Wurzeln geschlagen“ haben. Aber auch die Bewohnerinnen und Bewohner des  westlichen Ringgebietes und des Quartiers am Westbahnhof sind eingeladen, den 2.500 Quadratmeter großen Garten mit zu bewirtschaften sowie verschiedenste Obst- und Gemüsesorten anzubauen und zu ernten.

 

Über diese genannten Projekte hinaus gibt es in Braunschweig zahlreiche weitere private, kommerzielle und nicht kommerzielle „Urban gardening“-Projekte wie bspw. „Ackerhelden Braunschweig“ (ackerhelden.de).

 

Projekte mit de Landesverband der Gartenfreunde e. V. und den Braunschweiger Kleingärtnervereinen

 

Im Stadtgebiet Braunschweigs sind dem Landesverband der Gartenfreunde 103 Kleingartenvereine angeschlossen, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind und jeder/jedem die Möglichkeit bieten, gärtnerisch tätig zu werden und eigenes Obst und Gemüse anzubauen. Innerhalb einzelner Vereine ist es grundsätzlich möglich, auf freien Parzellen ein gemeinschaftliches Gärtnern von interessierten Bürgern zu organisieren. In gewissem Rahmen wäre ggf. auch eine fachliche Unterstützung vorstellbar. Bislang wurden gegenüber dem Landesverband keine Wünsche oder Anfragen zu einem solchen Projekt aus der Bürgerschaft herangetragen.

 

Projekte im frei zugänglichen Raum

 

Im Rahmen der Veranstaltung „Braunschweig blüht auf“ im August 2015 wurden acht verschiedene Themengärten in der Innenstadt errichtet, die den Besuchern einen Ort zur Entschleunigung und zur Erholung in der Innenstadt bieten sollten. Ein Themengarten im „Kultviertel“ am Friedrich-Wilhelm-Platz behandelte dabei das Thema „Urban gardening“. In Hochbeeten waren die Anwohner sowie jede/jeder Interessierte aufgerufen, Obst und Gemüse anzubauen und nach der Reife zu ernten. Das Projekt sollte ursprünglich über den Veranstaltungszeitraum hinaus dauerhaft im Quartier verbleiben. Bereits am ersten Tag nach der Eröffnung und Bepflanzung des Themengartens wurden die bepflanzten Hochbeete durch Vandalismus so stark beschädigt, dass das Projekt eingestellt werden musste.

 

Gleiches galt für ein Schülerprojekt, in dessen Rahmen im Juli 2016 im innerstädtischen Bereich über 60 mit Gemüse bepflanzte Reissäcke mit dem Hinweis „Naschen erlaubt“ aufgestellt wurden. Auch dieses Projekt wurde innerhalb weniger Tage aufgrund des Zerstörens aller Säcke durch Unbekannte vorzeitig beendet.

 

Fazit

 

Im Stadtgebiet Braunschweig gibt es bereits eine Vielzahl von Angeboten an essbaren Früchten an Obstbäumen und Beerensträuchern im öffentlichen Raum. Verbote oder restriktive Regelungen hinsichtlich des Pflückens existieren nicht.

 

Ein Anbau von Gemüse im frei zugänglichen Raum erscheint aufgrund der Erfahrungen hinsichtlich Vandalismus, eines möglichen Befalls mit Schädlingen, einer möglichen kritischen Belastung aus der Luft an viel befahrenen Straßen bzw. aufgrund vorhandener Bodenbelastungen sowie des allgemeinen sehr hohen Pflegeaufwandes nicht darstellbar.

 

Menschen, die gemeinsam zur Abdeckung ihres Eigenbedarfs gärtnern möchten, stehen bereits zahlreiche Möglichkeiten über bestehende „Urban gardening“ Projekte sowie über verschiedene private Initiativen sowie die Nutzung von Flächen in den dem Landesverband der Gartenfreunde angeschlossenen Vereinen zur Verfügung.

 

Anfragen und Wünsche nach weiteren Projekten liegen weder der Stadtverwaltung noch dem Landesverband der Gartenfreunde vor. Bei Initiativen aus der Bürgerschaft sind Projekte auf den hierfür vorgesehene Flächen des Schul- und Bürgergartens sowie auf leerstehende Parzellen in Kleingartenvereinen vorstellbar.

 

 

 


Anlage/n:

keine
 

 

Stammbaum:
16-02890   Sachstandsanfrage zum Prüfantrag "Essbare Stadt"   0100 Referat Steuerungsdienst   Anfrage (öffentlich)
16-02890-01   Sachstandsanfrage zum Prüfantrag "Essbare Stadt"   DEZERNAT VII - Finanzen, Stadtgrün und Sportdezernat   Stellungnahme