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Rat und Stadtbezirksräte

Vorlage - 19-11232  

Betreff: Änderungsantrag zu 19-10611: Ökologische Alternativen für Verfüllungen auf Kunstrasenplätzen
Status:öffentlichVorlage-Art:Antrag (öffentlich)
Federführend:0100 Referat Steuerungsdienst   
Beratungsfolge:
Rat der Stadt Braunschweig Entscheidung
25.06.2019 
Sitzung des Rates der Stadt Braunschweig geändert beschlossen   
Sportausschuss Vorberatung
12.09.2019 
Sitzung des Sportausschusses    
Verwaltungsausschuss Vorberatung
Rat der Stadt Braunschweig Entscheidung

Sachverhalt
Beschlussvorschlag
Anlage/n
Anlagen:
AnlageKunstrasen.pdf

Sachverhalt:

Kunstrasen hat gegenüber einem Naturrasen erhebliche ökologische Nachteile (s. Dossier Ökoinstitut Freiburg): Er wird aus Erdölderivaten und damit nicht erneuerbaren Rohstoffen produziert; der Treibhausgaseffekt ist dreimal so hoch wie beim Naturrasen, es werden doppelt so viele Photooxidantien emittiert.  Daher müssen an die Anlage von Kunstrasenplätzen strengste Kriterien angelegt werden und diese insgesamt die absolute Ausnahme bei der Sportplatzgestaltung in der Stadt Braunschweig bleiben.

Die Ausführungen des Ursprungsantrags zur Problematik von Kunststoffgranulaten werden in vollem Umfang mitgetragen.

Der Vorschlag von alternativen Verfüllmaterialien natürlicher Herkunft wird grundsätzlich begrüßt.

Dennoch erscheint es zu kurz gegriffen, sich z.B. im Rahmen eines „Pilotprojektes“ ausschließlich auf Kork als Verfüllmaterial natürlicher Herkunft zu fokussieren. 

Die Nachteile von Kork als Verfüllmaterial sind aus Praxisversuchen bereits bekannt:

-          Signifikant höherer Verschleiß gegenüber SBR und EPDM-Granulaten

-          Aufschwimmen von Kork bei starken Niederschlägen => Kork-Infill wird weggeschwemmt => höhere Pflegekosten und Verbrauch

-          Bisher keine Gütezertifizierung von Korkgranulat => große Varianz der Güte des verwendeten Materials 

-          Je nach Herkunft kann Kork nicht unerheblich mit toxischen Stoffen belastet sein: Gehalte an Polyzyklischen Aromatischen Kohlenstoffen (PAK´s) weit über den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerten (Diesel-Kfz hätten bei solchen Überschreitungen sofort Fahrverbot); Gehalt an Extrahierbaren Organisch gebundenen Halogenen (EOX – Chlor, Brom, Jod) nahe am Grenzwert 

-          Höhere Rutschgefahr bei Frost

-          Höhere Reinigungskosten vor allem im Herbst 

-          Stärkere Verpilzungsgefahr unter feuchten Bedingungen

 

Ob angesichts dieser bereits aus der Praxis bekannten erheblichen Nachteile von Kork-Infills tatsächlich noch einmal ein eigenes Pilot-Projekt in Braunschweig erforderlich ist, sei dahingestellt.

Auf jeden Fall sollte ein Pilotprojekt darüber hinaus weitere Alternativen für klassische Kunstoffgranulate mit berücksichtigen, wie z.B. Saltex Biofill, ebenso Alternativformen  wie Hybridrasen. Dabei sollten neben sportfunktionellen Gesichtspunkten die im Beschlusstext genannten Umweltaspekte im Vordergrund stehen.

Bei der Bewertung und Entwicklung von Kriterien für Kunstrasenplätze sind jedoch noch mindestens zwei weitere Aspekte im Hinblick auf Umweltbelastungen zu berücksichtigen.

 

A)      Schadstoffe im Kunstrasenbelag und in der sog. „elastischen Tragschicht“

Bekannte Schadstoffe: Zink, PAK´s, EOX, DOC (Organisch gebundene Kohlenstoffe), Weichmacher (Phthalate), Schwermetalle wie z.B. Quecksilber, Cadmium, Blei aus Farbpigmenten, krebserregende Isothiocyanate aus Polyurethan-Bindemittel (solange nicht ausreagiert), Bitumen (Asphalt). Auch wenn die Füllung durch z.B. Kork ersetzt würde, enthält die elastische Tragschicht  noch große Mengen Altreifengranulat, darüber hinaus noch 2kg weitere Schadstoffe wie Latex, Polyurethanschaum und Polyethylen sowie in vielen Fällen erdölbasiertes Bitumen als Komponente von Drainasphalt.

B)      Entsorgung der Beläge, der Granulate und der elastischen Tragschicht

Pro Kunstrasenfeld entstehen etwa 200 Tonnen Abfall.

Die Entsorgung erfolgt derzeit im wesentlich durch thermische Verwertung in Müllverbrennungsanlagen (mehrheitlich) sowie nach Zerkleinern und Trennung als Ersatzbrennstoff in Zementwerken. Letzteres wird aus ökobilanzieller Sicht für Belege aus Polyethylen (PE), Polypropylen (PP) und Polyamide (PA) empfohlen. Neuerdings gibt es auch Recycling-Varianten (z.B. zu neuen Kunstrasenfasern). Als Entsorgungskosten werden für Belag und Granulat zwischen 18 und 30 TEURO angegeben. Die aufwändigere Entsorgung der elastischen Tragschicht kostet ca. das Doppelte.

Diese (Umwelt-) Belastungen sind ebenfalls bei vergleichenden Erhebungen im Rahmen eines Pilotprojektes zu berücksichtigen.

 


Der Rat der Stadt Braunschweig wird gebeten, zu beschließen:

Die Verwaltung wird gebeten, künftig bei der Planung, Installation und Sanierung von Kunstrasenplätzen auf die bisher verwendeten Kunststoffverfüllungen zu verzichten. Stattdessen sollen auf den städtischen Sportanlagen ausschließlich ökologisch zertifizierte Alternativen (wie z. B. Kork oder andere biologische Verfüllungen) zum Einsatz kommen. 

Zusätzlich werden im Rahmen eines Modellversuches weitere umweltfreundlichere Alternativen wie z.B. Hybridrasenmischungen im Hinblick auf Ihre Eignung für den Spielbetrieb und Umweltbelastungen geprüft.

Im Hinblick auf die Einrichtung neuer Kunstrasenplätze bzw. Belagserneuerungen bei bereits bestehenden Kunstrasenplätzen erstellt die Verwaltung eine Kriterienliste entsprechend Ds. 19-11100, ggf. mit Erweiterungen.

Für jedes Kriterium werden soweit wie möglich klare Mindestanforderungen festgelegt. Alle 2 Jahre erfolgt eine Überprüfung und ggf. Anpassung der Mindestanforderungen im Hinblick auf ihre Bewährung in der Praxis.  Dabei sind Belagserneuerungen prioritär zu behandeln, neue Kunstrasenfelder werden nur im besonders begründeten Ausnahmefall genehmigt.

Bei Neuanlagen werden Umweltbelastungen durch den Unterbau als Kriterium mit herangezogen, bei Belags- oder Kompletterneuerungen auch die Umweltbelastungen durch die Entsorgung der Altmaterialien. Bzgl. Unterbau und Entsorgung sind möglichst umweltschonende Alternativen auszuwählen.

Die Vermeidung von Umweltbelastungen aller Art hat bei allen Fragen im Zusammenhang mit Kunstrasenplätzen Vorrang. In allen o.g. Fällen darf das Kostenargument für Anlage, Unterhaltung, Pflege und spätere Entsorgung nur bei vergleichbarer Umweltfreundlichkeit als Entscheidungskriterium herangezogen werden. 

Eine finanzielle Kostenbeteiligung der Stadt an Erneuerungs- und Pflegemaßnahmen von Kunstrasenplätzen erfolgt nur, sofern der Stadt das zentrale Belegungsrecht für den jeweiligen Kunstrasenplatz übertragen wird.

 


Anlagen:   Anlage Kunstrasen
 

 

Anlagen:  
  Nr. Name    
Anlage 1 1 AnlageKunstrasen.pdf (837 KB)