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Rat und Stadtbezirksräte

Vorlage - 13659/14  

Betreff: Sozialindikatoren in Schuldatenblättern des Schulentwicklungsplans
Status:öffentlichVorlage-Art:Mitteilung
Federführend:40 Fachbereich Schule   
Beratungsfolge:
Schulausschuss
09.05.2014 
Schulausschuss ungeändert beschlossen  (13659/14)  

Sachverhalt
Anlage/n
Anlagen:
Grundschulbezirke_Planungsbereiche

1

 

Stadt Braunschweig

 

TOP

 

 

I/3.2

Der Oberbürgermeister

Drucksache

Datum

FB Schule (FB40)

13659/14

28.04.2014

40-20-06.6

 

 

 

Beteiligte FB /Referate /Abteilungen

Mitteilung

 

Fachbereich 51, 0500

Beratungsfolge

Sitzung

 

Tag

Ö

N

Schulausschuss

09.05.2014

X

 

 

 

 

Überschrift, Sachverhalt

Sozialindikatoren in Schuldatenblättern des Schulentwicklungsplans

 

In der Diskussion der Mitteilung „Sachstand Schulentwicklungsplanung“ (Ds 13540/14) im Schulausschuss am 07.03.2014 wurde angeregt, leicht zugängliche Sozialindikatoren in die zu erstellenden Schuldatenblätter für den Schulentwicklungsplan (SEP) aufzunehmen.

 

Verwendung von Sozialindikatoren:

Systeme von Sozialindikatoren sind auf verschiedenen Ebenen zu finden. Bereits in den 1970er Jahren wurden in Deutschland die wirtschaftlichen Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung durch entsprechende Kennzahlen ergänzt, um ein Abbild der sozialen Lage zu zeichnen. Seit den 1980er Jahren wurde ein „Europäisches System Sozialer Indikatoren“ aufgebaut, an dem sich gegenwärtig 27 Mitgliedsländer der EU sowie vier weitere Staaten beteiligen.[1] Die Erhebung solcher Sozialindikatoren erlaubt Rückschlüsse auf bestimmte Formen der Bildungsbenachteiligung und die Entstehung von Bildungsarmut.[2]

 

Derart komplexe Datensysteme liegen jedoch meistens nur auf der Makroebene (Nationalgesellschaften oder international vergleichend) vor. Je kleiner die zu untersuchende gesellschaftliche Einheit bzw. der Raum wird, desto schwieriger werden die Datenerhebung, die Vergleichbarkeit und die Erfüllung der Anforderungen des Datenschutzes.

 

Verfügbarkeit von Sozialindikatoren und ihre Übertragung auf Schulebene:

Im Rahmen der Planung von Braunschweiger Ganztagsgrundschulen wurden bereits im Jahr 2009 für die Auswahl geeigneter Standorte soziale Daten, die von der Jugendhilfe zur Verfügung gestellt wurden, einbezogen. Hierfür berücksichtigte Kennzahlen waren Bezug von Arbeitslosengeld II, Anteil von Kindern Alleinerziehender, Migrationshintergrund (gemessen über nicht-deutsche 1. / 2. Staatsangehörigkeit), Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen und des Braunschweiger Schulkostenfonds sowie Hauptschullaufbahnempfehlungen. In späteren Planungen wurden zusätzlich noch die Ergebnisse der Untersuchungen zur Zahngesundheit in den Schulen mitberücksichtigt.

 

Im „Sozialatlas Stadtteilprofile 2013“ (Ds 13312/13), der vom Sozialreferat erstellt wurde, sind folgende Merkmale auf der Ebene von 30 Planungsbereichen ausgewertet worden: Anteil Einwohner mit Migrationshintergrund in vH, Anteil der Personen mit SGB II - Bezug in vH, Anteil Arbeitsloser an den 16 - unter 65jährigen in vH, Anteil Kinder unter 6 Jahre mit SGB II - Bezug.

 

Die Schulbezirke der 39 städtischen Grundschulen (inklusive der zwei Grundschulzweige der Grund- und Hauptschulen) sind nicht deckungsgleich mit den Planungsbereichen der Jugendhilfe und Sozialplanung. Eltern haben zudem die Möglichkeit, ihre Kinder in Ganztagsgrundschulen beschulen zu lassen, wenn die betreffende Grundschule des Schulbezirks kein Ganztagsangebot vorhält, eine der drei Bekenntnisgrundschulen oder mit einer Ausnahmegenehmigung den Schulbesuch in einem anderen Schulbezirk zu wählen. Da die Zusammensetzung der Schülerschaft in einer Grundschule somit nicht annhähernd mit der Zusammensetzung der Bevölkerung innerhalb eines Planungsbereichs zu verknüpfen ist, können die Ergebnisse aus der Jugendhilfe und der Sozialplanung auch nicht bedenkenlos übertragen werden.

 

Die Erkenntnisse dieser Planungen geben dennoch wertvolle Hinweise zur Ermittlung von Standorten, die sozialstrukturell problematische Einzugsbereiche haben. Die als Anlage beigefügte Karte zeigt die Überschneidungen der Grundschulbezirke mit den Planungsbereichen der Jugendhilfe. Mit Hilfe des Sozialatlas könnten nun Zuordnungen vorgenommen werden. Dabei ist zu beachten, dass es besonders im Zentrum der Stadt Braunschweig Grundschulen gibt, deren Schulbezirke Überschneidungen mit bis zu drei Planungsbreichen haben.

 

Noch schwieriger ist die Situation bei den weiterführenden Schulen, da diese die Stadt Braunschweig ingesamt als Einzugsbereich haben und zudem teilweise hohe Anteile auswärtiger Schülerinnen und Schüler beschulen. Somit sind Rückschlüsse auf die wohnortbezogene und die soziale Herkunft nahezu unmöglich.

 

Weitere Kennzahlen, die für schulbezogene Sozialindikatoren in Frage kämen, wären Angaben zur Anzahl der Kinder- und Jugendlichen, deren Eltern Empfänger von Leistungen aus dem Bildungspaket (BuT) sind. Methodisch problematisch ist, dass die Anzahl der Anträge nicht identisch mit der Anzahl der Leistungsempfänger ist, da jede Art der Leistung (außer 100 € für den Schulbedarf, der an die Eltern ohne Antragstellung direkt ausgezahlt / überwiesen wird) separat beantragt werden muss. Schulbezogen sind entsprechende Daten nur für Kostenübernahmen für Ausflüge und mehrtägige Klassenfahrten und für die Zuschüsse zum Mittagessen in den Offenen Ganztagsgrundschulen verfügbar. Weitere Informationen, die den Schulen vorliegen, sind die Anzahl der Befreiungen von der „Entgeltlichen Ausleihe von Lernmitteln“ gem. RdErl. d. MK v. 01.01.2013, wofür die Schulen pauschalierte Ausgleichszahlungen vom Land Niedersachsen erhalten.

 

Möglichkeiten, Grenzen und geschätzte Folgen des Einsatzes von Sozialindikatoren im SEP:

Im Stadtstaat Hamburg wird bereits seit 1996 ein Sozialindex für Grundschulen und Schulen mit Sekundarstufe I erstellt und regelmäßig aktualisiert. Dieser bezieht neben dem ökonomischen auch das soziale und kulturelle Kapital ein, das den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung steht. Die Ergebnisse haben konkrete Auswirkungen auf die Zuweisung von Personalressourcen an die Schulen, die je nach Grad der „sozialen Belastung“ einer von sechs Kategorien zugeteilt werden. Die Erhebung ist äußerst aufwendig und wird vom Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung durchgeführt. Im Schuljahr 2011/2012 betrug die Stichprobengröße 35.437 Personen, die an der schriftlichen Befragung teilnehmen sollten.[3] Selbst bei einem derartig etablierten Instrument kommt es jedoch zu öffentlicher Kritik, indem z. B. die Methodik, die Antwortqualität oder die gezogenen Konsequenzen angezweifelt werden.[4]

 

Schuldatenblätter haben die Funktion, auf verständliche und nachvollziehbare Weise die Situation einer Schule gegenwärtig und rückblickend zu beschreiben (Bestandsaufnahme) und einen Abgleich mit einer prognostizierten zukünftigen Entwicklung zu ermöglichen. Das Instrument Schuldatenblatt eignet sich aus Sicht der Verwaltung jedoch nicht dafür, Sozialindikatoren aufzunehmen. Hierfür ist die Datenlage schlichtweg nicht ausreichend, da kaum schulbezogene Daten vorliegen und Zuordnungen über andere Planungen (s. o.) nicht präzise erfolgen können, weil sowohl Raum- und Personenbezug nicht kongruent zueinander sind.

 

Die Verwaltung ist zudem der Auffassung, dass die Darstellung von (scheinbar objektiven) statistischen Werten zur sozialen Herkunft von Schülerinnen und Schüler in den Schulen, die sich in einem sozial problematischeren Stadtteil / Einzugsbereich befinden, eher negative Auswirkungen (z. B. Rückgang der Schülerzahlen durch Verschlechterung des Schulimages) haben könnten, wenn Ergebnisse in der Öffentlichkeit rezipiert würden. Insofern sollten auch bei in Zukunft möglicherweise verbesserter Datenlage entsprechende Informationen mit erhöhter Vorsicht interpretiert und diskutiert werden.

 

I. V.

 

gez.

 

Markurth

Erster Stadtrat

 

Anlage

 

 


[2] vgl. http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/171201 (abgerufen am 25.04.2014)

[3] Insgesamt füllten 24.452 Schülerinnen und Schüler sowie Erziehungsberechtigte einen Fragebogen aus. Dies entspricht einem Rücklauf von ca. 69% (http://www.bildungsmonitoring.hamburg.de/index.php/article/detail/1504?PHPSESSID=b5254edd1009f4f0cd5ae6adf60eb7ab, abgerufen am 28.04.2014).


Anlage/n:

 

Anlagen:  
  Nr. Name    
Anlage 1 1 Grundschulbezirke_Planungsbereiche (464 KB)