Rat und Stadtbezirksräte
07.10.2025 - 3.1 Vorstellung der Forschungsschwerpunkte des Joha...
Grunddaten
- TOP:
- Ö 3.1
- Datum:
- Di., 07.10.2025
- Status:
- gemischt (Sitzung abgeschlossen)
- Uhrzeit:
- 15:00
- Anlass:
- Sitzung
- Beschluss:
- zur Kenntnis genommen
Wortprotokoll
Frau Prof. Dr. Hesse (Dez. IV) stellt Frau Prof. Dr. Kleinschmit, seit 1. Februar 2025 Präsidentin des Johann Heinrich von Thünen-Institutes, als herausragende Wissenschaftlerin mit einer außergewöhnlichen Karriere vor. Frau Prof. Dr. Kleinschmit sei eine Expertin in der Erdbeobachtung mit einer interdisziplinären Perspektive auf gesellschaftliche Herausforderungen wie die Transformation von Agrar-, Wald-, Fischerei- und Ernährungssystemen. Nach dem Studium der Fortwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen habe sie zu „Naturwaldmonitoring mit Fernerkundungsmethoden" promoviert. Danach habe sie zunächst als Softwareentwicklerin gearbeitet. Mit 29 Jahren sei sie 2003 als eine der jüngsten Wissenschaftlerinnen zur Juniorprofessorin für Geoinformationsverarbeitung in der Umweltplanung an der Technischen Universität (TU) Berlin berufen worden. 2011 sei sie zur Universitätsprofessorin für Geoinformation in der Umweltplanung an der TU Berlin berufen worden. Sie sei eine gefragte Expertin ihres Faches; so berate sie seit 2019 das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im Wissenschaftlichen Beirat für Waldpolitik, deren stellvertretende Vorsitzende sie seit 2023 sei. Darüber hinaus sei sie Sprecherin mehrerer interdisziplinärer Forschungsverbünde gewesen und sei Gutachterin u.a. für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Alexander-von-Humboldt-Stiftung sowie Reviewerin verschiedener wissenschaftlicher Zeitschriften. An der TU Berlin sei sie zudem stellvertretende Geschäftsführende Institutsdirektorin und Mitglied im Transferbeirat der Hochschule gewesen. Sie habe 2024 zu den 100 wichtigsten Köpfen der Wissenschaft in Berlin gehört und sei 2022 Keynote-Speakerin der COP27 in Ägypten gewesen. Zudem unterstütze sie Nachwuchs-Wissenschaftlerinnen als persönliche Mentorin.
Protokollnotiz zur Vita von Frau Prof. Dr. Kleinschmit:
Beruflicher Werdegang
seit Februar 2025 Präsidentin des Thünen-Institutes
2011-2025 Universitätsprofessorin und Leiterin des Fachgebietes Geoinformation in der Umweltplanung an der TU Berlin
2003-2011 Juniorprofessorin im Fachgebiet für Geoinformationsverarbeitung in der Umweltplanung an der TU Berlin
2001-2003 Softwareentwicklerin bei der INTEND Geoinformatik GmbH in Kassel
2001 Promotion zum Dr. forest an der Georg-August-Universität Göttingen
1998-2001 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Forsteinrichtung, Ertragskunde und Fernerkundung an der Georg-August-Universität Göttingen
1993-1998 Studium der Forstwissenschaften, Schwerpunkt Betriebswirtschaft und Technik an der Georg-August-Universität Göttingen
Ausgewählte Funktionen, Auszeichnungen und Ehrungen
seit Februar 2025 gewähltes Mitglied im Gesamtausschuss des Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) e.V.
seit 2025 Mitglied im Rat des gemeinnützigen Think Tanks Agora Agra
seit 2019 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Waldpolitik des BMEL, seit 2023 stellvertretende Vorsitzende
seit 2025 ständiger Gast im Vorstand der Deutschen Agrarforschungsallianz (DAFA)
2024 Auszeichnung als eine der 100 wichtigsten Köpfe der Wissenschaft in Berlin
2019-2021 Mitglied im Transferbeirat der TU Berlin
2008-2025 stellvertretende Geschäftsführende Direktorin des Institutes für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der TU Berlin
2014-2024 Studiendekanin und Vorsitzende des Prüfungsausschusses, TU Berlin
seit 2010 Mitglied im Lenkungsausschuss des Geo.X-Forschungsnetzwerks für Geowissenschaften in Berlin und Potsdam
2021-2024 Mitglied im Lenkungsausschuss der Einstein Research Unit „Climate and Water under Change" (CliWaC)
2015-2024 Co-Sprecherin des DFG Graduiertenkollegs „Urban Water Interfaces"
2016-2024 Mitglied im Auswahl- und Lenkungsausschuss der Berlin International Graduate School in Model and Simulation based Research (BIMoS) der TU Berlin
2016-2020 Mitglied der Kommission für die Vergabe von Promotionsstipendien der Elsa-Neumann-Stiftung
2012-2020 Leiterin der Special Interest Group „Analysis of remote sensing data" der deutschen Gesellschaft für Photogrammetrie, Fernerkundung und Geoinformation
2022 Eingeladene Keynote-Speakerin auf der Konferenz „Towards UN Climate Change Conference (COP) 27 - Challenges and Actions to cope with Climate change, Water and Weather Extremes in Egypt", Kairo
seit 2015 Persönliche Mentorin für Doktorandinnen und Postdocs
seit 2005 Gutachterin u.a. für die DFG, die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)
seit 2003 Reviewerin u.a. für folgende wissenschaftliche Zeitungen: IJRS, Remote Sensing of Environment, Environmental Modelling and Software, Ecological Indicators, Science of the Total Environment
Frau Prof. Dr. Kleinschmit bedankt sich für die Einladung und präsentiert; die Präsentation ist dem Protokoll angehängt.
Sie erläutert einleitend die Bedeutung des Johann Heinrich von Thünen-Institutes. Sie stellt fest, dass das Institut trotz seiner Relevanz oft wenig bekannt sei, was sie als Anlass nehme, dessen Aufgaben und Schwerpunkte näher zu erläutern. Sie beschreibt das Institut als interdisziplinäre Forschungseinrichtung, die sich der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen wie Wälder, Felder und Meere sowie der Entwicklung ländlicher Räume widme. Sie gibt einen historischen Überblick über den Standort in Braunschweig, der in den 1930er Jahren als Forschungsinstitut für Luftfahrt gegründet und nach dem Zweiten Weltkrieg in eine zivile Forschungsstätte umgewandelt worden die. Seit 2008 trage die Einrichtung den Namen Johann Heinrich von Thünen-Institut und sei dem BMEL nachgeordnet.
Frau Prof. Dr. Kleinschmit erläutert, dass die Hauptaufgaben des Institutes in der Politikberatung, der Forschung und dem Monitoring lägen. Ziel sei es, evidenzbasierte Grundlagen für politische Entscheidungen zu schaffen. Sie betont, dass das Institut unabhängig in der Themenwahl, den Methoden und den Ergebnissen sei. Sie beschreibt die interdisziplinäre Ausrichtung des Institutes, das ökologische, sozioökonomische und technologische Expertise vereine, um systemische Forschung zu betreiben. Dabei würden Wechselwirkungen zwischen Boden, Pflanzen, Umwelt, Mensch und Gesellschaft untersucht.
Sie führt aus, dass das Institut aus 15 Fachinstituten bestehe, die auf verschiedene Standorte in Deutschland verteilt seien. In Braunschweig befänden sich etwa die Hälfte der Mitarbeitenden. Sie hebt die internationale Vernetzung des Institutes hervor, das in fast 100 Ländern Kooperationen unterhalte. Sie nennt Beispiele für aktuelle Forschungsfragen, wie die Förderung von Biodiversität und Klimaschutz in der Landwirtschaft, die Anpassung von Wäldern an den Klimawandel oder die Entwicklung nachhaltiger Fischereimethoden. Sie betont, dass die Forschung des Institutes transdisziplinär sei und gesellschaftliche Akteure frühzeitig in den Forschungsprozess einbinde.
Frau Prof. Dr. Kleinschmit geht auf die Bedeutung des Monitorings ein, das langfristige Analysen ermögliche, um Veränderungen messbar zu machen. Beispiele seien die Wald- und Bodenzustandserhebungen sowie die Erstellung von Treibhausgasinventaren. Diese Daten bildeten die Grundlage für die Politikberatung, die das Institut für die Bundesregierung und internationale Gremien leiste. Sie hebt hervor, dass das Institut jährlich etwa 30 Mio. Euro an Drittmitteln einwerbe, um seine Forschung zu finanzieren.
Frau Prof. Dr. Kleinschmit beschreibt die Zusammenarbeit des Institutes mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen in Braunschweig, darunter die Technische Universität (TU) Braunschweig, das Fraunhofer-Institut für Holzforschung und das Julius-Kühn-Institut (JKI). Sie betont, dass sie die Kooperationen weiter ausbauen wolle, um Synergien zu schaffen. Sie erwähnt, dass das Institut an einem experimentellen Landschaftslabor arbeite, um neue Landnutzungsformen zu erforschen, und dass es Bestrebungen gebe, den Standort in Braunschweig weiterzuentwickeln. Abschließend hebt sie die Bedeutung der Region Braunschweig als Wissenschaftsstandort hervor und betont die Notwendigkeit, Fachkräfte zu gewinnen und die Strahlkraft der Region zu erhöhen.
Stellvertretender Ausschussvorsitzender Stühmeier erkundigt sich nach möglichen Anregungen oder Wünschen an den Ausschuss für Kultur und Wissenschaft (AfKW) bzw. die Stadt Braunschweig.
Frau Prof. Dr. Kleinschmit antwortet, dass die Sichtbarkeit der Forschung in der breiten Gesellschaft gesteigert werden müsse. Wissenschaft dürfe nicht als lästig wahrgenommen werden und Informationen müssten niedrigschwellig zugänglich sein und gut aufbereitet werden. Man müsse über soziale Medien oder im öffentlichen Raum für die Wissenschaft werben. Sie verweist auf das städtische Wissenschaftsschaufenster als einen ersten Schritt und regt an, weitere Formate zu entwickeln, um die Forschung auch über die Region hinaus sichtbar zu machen.
Ratsfrau Ihbe pflichtet ihr bei, dass Braunschweig als eine der forschungsintensivsten Regionen bekannter gemacht werden müsse. Sie weist darauf hin, dass es wichtig sei, den Bürgerinnen und Bürgern den Nutzen der Forschung zu erklären. Sie fragt, inwiefern das Thünen-Institut zur Ernährungssicherheit beitrage, insbesondere im Hinblick auf widerstandsfähige Pflanzen und Lebensmittel.
Frau Prof. Dr. Kleinschmit erläutert, dass Ernährungssicherheit ein zentrales Thema sei, sowohl national als auch global. Sie berichtet von Studien zur Resilienz landwirtschaftlicher Betriebe, die Schwächen wie fehlende Notstromaggregate oder unzureichende Vorratshaltung aufzeigten. Zudem verweist sie auf das internationale Kooperationsprojekt „Food Loss and Waste", das sich mit der Reduktion von Lebensmittelverschwendung beschäftige, und auf das Beispiel von KI-gestützten Planungen in Bäckereien und Apps zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen. Abschließend regt sie an, eine Markenentwicklung für Braunschweig zu initiieren, um die Region international sichtbarer zu machen.
Frau Prof. Dr. Hesse greift den Vorschlag zur Markenentwicklung auf und betont die Notwendigkeit, Wissenschaft und Wirtschaft stärker zu vernetzen. Sie schlägt vor, dass die Wirtschaft finanzielle Beiträge zu Kampagnen leisten könne, um die Sichtbarkeit der Region zu erhöhen. Sie hebt hervor, dass die Wissenschaftskommunikation in Braunschweig oft aus Projektmitteln finanziert werde und eine Bündelung der Aktionen unter einem gemeinsamen Label sinnvoll sei. Sie betont, dass die Vielfalt der Forschungsdisziplinen in Braunschweig eine Herausforderung für die Kommunikation darstelle, gleichzeitig aber auch ein großes Potenzial biete. Sie fragt, inwiefern das Thünen-Institut und das JKI kooperierten und sich unterschieden.
Frau Prof. Dr. Kleinschmit erwidert, es gebe intensive Kooperationen und thematische Ergänzungen zwischen den beiden Instituten. Das Thünen-Institut befasse sich vergleichsweise mit übergeordneten Ebenen, beispielsweise mit Landschaften und der Biodiversität.
Frau Prof. Dr. Kleinschmit erläutert auf Nachfrage von Ratsfrau Glogowski-Merten, dass das Thünen-Institut weiterhin im Bereich Tierwohl forsche. Sie berichtet von einem Ökolandbaubetrieb in Trenthorst, wo Handreichungen für Landwirte zur Beurteilung des Tierwohls entwickelt worden seien. Zudem werde an technischen Lösungen wie der Messung von Emissionen in Ställen gearbeitet. Sie weist darauf hin, dass das Thema Tierwohl jedoch politisch derzeit nicht prioritär behandelt werde.
Ratsfrau Arning erkundigt sich nach den im Vortrag genannten, sog. „schwarzen Löchern" in der Ostsee. Frau Prof. Dr. Kleinschmit erklärt, dass es sich dabei um Bereiche mit gesteigertem Algenwachstum und reduziertem Sauerstoffgehalt handele, die durch Überdüngung aus der Landwirtschaft entstünden und eine Abnahme von Flora und Fauna zur Folge hätten. Sie beschreibt ein geplantes Projekt, das die Rolle von Mooren als „grüne Leber" untersuchen solle, um schädliche Nährstoffeinträge in die Meere zu reduzieren. Sie betont die interdisziplinäre Expertise des Thünen-Instituts, die es ermögliche, Zusammenhänge zwischen Landwirtschaft, Wäldern und Meeren zu analysieren und der Politik entsprechende Empfehlungen zu geben.
Anlagen
| Nr. | Name | Original | Status | Größe | |
|---|---|---|---|---|---|
|
1
|
(wie Dokument)
|
4,5 MB
|
