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Mitteilung - 16-03296

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Sachverhalt

Sachverhalt:


Über die Medien hat der Vorsitzende der Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft, Herr Thomas Ostwald, in einer Pressemitteilung vom 22. September bekannt gegeben, dass das Friedrich Gerstäcker Museum zum 2.Oktober 2016 seine Arbeit einstellt und schließt. Am 4. Oktober hat Herr Ostwald mit Schreiben an den Fachbereich Finanzen den Mietvertrag für die Räumlichkeiten des bisherigen Museums an der Wolfenbütteler Straße 56 gekündigt.

 

Ergänzend zu den mündlichen Ausführungen in den nichtöffentlichen Teilen der Sitzungen des Ausschusses für Wissenschaft und Kultur am 25. Mai 2016  und am 2. September 2016 teile ich Folgendes mit:

 

Sachstand Museum:

Seit 1982 hat die Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft das Gerstäcker Museum in Räumlichkeiten im Erdgeschoss in dem städtischen und denkmalgeschützten Gebäude an der Wolfenbütteler Straße 56, dem ehemaligen nördlichen Torhaus des denkmalgeschützten Gesamtensembles Schloss Richmond, betrieben. Der Mietvertrag zwischen der Gerstäcker-Gesellschaft und der Stadt Braunschweig datierte vom 04.08.1982. Die bislang museal genutzten Räume haben eine Größe von ca. 85 m². Die Überlassung erfolgte mietzinsfrei. Die Heizkosten sowie die Nebenkosten wurden von der Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft getragen.

Die Stadt hat während dieser Zeit die Kosten des allgemeinen Bauunterhalts für das gesamte Gebäude übernommen. Im Rahmen dieser Zuständigkeit hat die Stadt 2012/2013 Sanierungs- und Sicherungsmaßnahmen am Dachgeschoss zum Erhalt der Bausubstanz mit Investitionen von rd. 80.000 € durchgeführt.

Aus seinem Bestand der authentischen Gegenstände aus dem Besitz Friedrich Gerstäckers hatte das Städtische Museum dem Gerstäcker-Museum eine Kopfbedeckung und einen Wandbehang als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Weitere Exponate aus dem einstigen Besitz Gerstäckers befinden sich im Sammlungsbereich Ethnografie des Städtischen Museums, waren aber unter den Bedingungen im Gerstäcker Museum nicht ausleihbar.

 

Veränderung der Ausstellungskonzeptideen seitens der Gerstäcker-Gesellschaft:

In den vergangenen Jahren ist die Gerstäcker-Gesellschaft mit immer wieder wechselnden Überlegungen für die Modifizierung des Ausstellungskonzeptes auf die Stadt zugekommen.

 

Im Jahr 2005 wurde seitens des damaligen Direktors des Städtischen Museums in Zusammenarbeit mit der Kulturverwaltung unter Berücksichtigung museumsdidaktischer Vermittlungsmethoden ein Präsentationskonzept für das Museum an der Wolfenbütteler Straße entwickelt, das Leben und Werk Gerstäckers stärker in den Blick genommen hätte, gegenüber anderen Themen wie Auswanderung nach Amerika etc. Diesem Konzeptvorschlag ist der Leiter des Gerstäcker Museums und Präsident der Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft, Herr Thomas Ostwald, seinerzeit nicht gefolgt.

In den Jahren seit 2011 bis 2015 hat Herr Ostwald selbst vier unterschiedlich gewichtete Schwerpunktthemen zusätzlich zu dem eigentlichen Kernthema „Friedrich Gerstäcker“ eingebracht, die u. a. thematische Erweiterungen des Museums und seiner inhaltlichen Zielsetzungen vorsahen; darunter waren deutsch-amerikanische Literatur, erweiterter Schwerpunkt „Waffensammlung“, Auswanderung aus dem Braunschweiger Land sowie Emigration und Migration.

 

Runder Tisch im Februar 2016 anlässlich der Neukonzeption einer zukunftsfähigen Würdigung Gerstäckers:

Am 1. Februar 2016 hat im Dezernat für Kultur und Wissenschaft ein Gespräch zur Einschätzung der Zukunftsfähigkeit des Museums in seinem derzeitigen konzeptionellen wie seinem Präsentationszustand stattgefunden. An dem Gespräch waren neben Herrn Ostwald auch Vertreterinnen und Vertreter der Braunschweigischen Stiftung, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, des Braunschweigischen Landesmuseums und des Städtischen Museums beteiligt. Gegenstand des Gespräches war auch die von Herrn Ostwald an die Stadt Braunschweig gerichtete Aufforderung, das Gerstäcker Museum am jetzigen Standort zu einem Museum für die Geschichte der Migration auszubauen und eine Kontinuitätsförderung zu erhalten.

 

Im Ergebnis wurde festgehalten, dass aus fachwissenschaftlicher Sicht sowie aus Gründen der Museumsdidaktik und -methodik der Standort des Gerstäcker Museums nicht mehr zukunftsfähig ist. Herr Ostwald hat in der Sitzung persönlich den Vorschlag entwickelt, das Haus zum Ende des Jahres 2016 zu schließen und die Original-Objekte zu Friedrich Gerstäcker, soweit sie nicht ohnehin Leihgaben des Städtischen Museums sind, der ethnologischen Sammlung dieses Museums zu übergeben resp. zurückzugeben mit dem Ziel, dass sie dort in angemessener Weise in die Präsentation eingebunden werden und explizit auf Gerstäcker verweisen.

 

Diesen Vorschlag aufgreifend wurde einvernehmlich verabredet, dass das Braunschweigische Landesmuseum das Thema „Auswanderung“ in Verbindung mit Hinweisen auf Werk- und Lebensstationen Gerstäckers aufgreifen wird.

 

Herr Ostwald hat die div. Angebote für die gemeinsame Entwicklung neuer Vermittlungs- und Präsentationsformate speziell für Friedrich Gerstäcker begrüßt. Das Gespräch endete einvernehmlich.

 

Im April dieses Jahres wurde zwischen Herrn Ostwald und der Fachverwaltung ein Zeitplan zur Rückführung der Objekte in das Städtische Museum sowie Grundüberlegungen für zukünftige Vermittlungsformate besprochen.

 

Obwohl bereits die Rückführung sowie die weiteren Maßnahmen zur Person und zum Leben Gerstäckers gemeinsam mit Herrn Ostwald besprochen waren, hat sich dieser im Hamburger Abendblatt am 11. Mai und am 25. Juni in der Braunschweiger Zeitung sowie in Schreiben an die politischen Fraktionen entgegen der im Februar getroffenen Verabredung erneut mit der Bitte um den Erhalt des Museums an seinem jetzigen Standort und die Übernahme der Institution durch die Stadt Braunschweig ausgesprochen. Gleichzeitig hat er die notwendige Schließung des Museums zum Ende des Jahres als Konsequenz städtischer Ablehnung und Verweigerung von Fördermitteln apostrophiert.

 

Zukünftige kommunale Aktivitäten zu Leben und Werk Friedrich Gerstäckers:

Von der Verwaltung, den eingebundenen Museen und den Stiftungen wird die Fortführung des Gerstäcker Museums aus konzeptionell-museumsmethodischen, konservatorischen, betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Gründen an dem derzeitigen, nicht mit dem Wirken Gerstäckers in Verbindung zu bringenden Standort und in der derzeitigen Form, nicht für geeignet erachtet. Ein alternativer, vor allem authentischer, mit Friedrich Gerstäcker in Verbindung zu bringender Standort für ein eigenständiges Gerstäcker-Museum steht in Braunschweig nicht zur Verfügung. Das ehemalige Wohnhaus des Schriftstellers in der Adolfstraße Nr. 45 befindet sich in Privatbesitz.

 

Mit einer grundlegenden Modernisierung verbundene finanzielle Aufwendungen für konzeptionelle Neugestaltung, bauliche Maßnahmen und Personal  des bisherigen Standortes sind gegenüber der skizzierten vernetzten Vermittlungskonzeption im Verbund mit anderen Institutionen weder inhaltlich noch haushaltstechnisch vertretbar. Für eine kontinuierliche Förderung eines Gerstäcker-Museums stehen auch die Stiftungen nicht zur Verfügung.

 

Der öffentlich kommunizierten und dem Präsidenten der Gerstäcker-Gesellschaft schriftlich signalisierten Bereitschaft der Fachverwaltung zur Fortsetzung des Austausches über die zukünftigen, gemeinsam zu entwickelnden Möglichkeiten der Vermittlung und Würdigung Gerstäckers ist von Herrn Ostwald nicht entsprochen worden.

 

Vor dem Hintergrund der von dem Präsidenten der Gesellschaft über die Medien mitgeteilten kurzfristigen Schließungsabsicht wurden die dort präsentierten, leihweise überlassenen Original-Exponate dem Städtischen Museum wieder zugeführt.

 

Ausblick musealer Präsentation im Städtischen Museum

Die Stadt Braunschweig steht mit Blick auf die Würdigung des Werks und der Person Friedrich Gerstäckers in der Verantwortung und ist dieser stets nachgekommen. Die Auseinandersetzung mit dem Weltreisenden, Journalisten und Autor Friedrich Gerstäcker ist ein unverzichtbarer Bestandteil des kulturhistorischen Selbstverständnisses der Stadt und liegt in der Bedeutung der Figur Gerstäckers in seinen Funktionen als Zeitzeuge und Verfasser von Werken, die historische Entwicklungszustände dokumentieren, begründet. So würdigt und erinnert an ihn u. a. der von der Stadt vergebene „Friedrich-Gerstäcker-Preis für Jugendliteratur“, einer der anerkanntesten Jugendbuchpreise und gleichzeitig der älteste seines Genres in Deutschland sowie die nach ihm benannte Straße in Braunschweig.

Auch die Förderung des Gerstäcker Museums gehörte jahrzehntelang zu den unterschiedlichen Maßnahmen zur Auseinandersetzung mit der bedeutenden Schriftsteller-Persönlichkeit.

 

Das Selbstverständnis der Friedrich Gerstäcker-Gesellschaft von der umfassenden Zuständigkeit für Fragen und Maßnahmen rund um den Weltreisenden und Autor hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Stadt höchste Rücksichtnahme auf die Projekte, Aktivitäten und Veranstaltungen der Gesellschaft genommen hat. Eigene Angebote waren stets so konzipiert und terminiert, dass diese als Ergänzungen, keinesfalls als Konkurrenz zu den Gesellschaftsangeboten zu verstehen waren. Dies gilt u. a. auch für die Angebote in diesem Jubiläumsjahr des 200. Geburtstages Gerstäckers, bei der die zusätzlich zur Projektförderung für die Gesellschaft initiierten Beiträge der Stadt und des Instituts für Regionalgeschichte seitens des Präsidenten der Gerstäcker-Gesellschaft sehr kritisch zur Kenntnis genommen worden sind.

 

Die beteiligten Fachverwaltungen werden zukünftig – auch in Abstimmung mit dem Braunschweigischen Landesmuseum – zusätzlich zu der geplanten Präsentation zu der Persönlichkeit Friedrich Gerstäckers im Städtischen Museum unterjährige Angebote und Vermittlungsformate initiieren, um für alle Interessierten den individuellen Zugang zu diesem Thema und den Spuren Gerstäckers in der Stadt sicherzustellen.

 

Neues Ausstellungsvorhaben im Städtischen Museum Braunschweig

Das Städtische Museum Braunschweig plant eine neue Präsentation, in der die Themenkomplexe Reisen und Sammeln, Migration und Auswanderung im 19. Jahrhundert und die sich daraus ergebenen Erkenntnisse über die Vielfalt der Kulturen aufgezeigt werden.

 

In dieser Ausstellung werden Braunschweiger Persönlichkeiten vorgestellt, die durch mitgebrachte Gegenstände, sowie schriftliche oder bildliche Äußerungen, ihre Erfahrungen und Eindrücke der Nachwelt hinterlassen haben. Eine dieser Personen ist der Abenteurer, Forscher und Reiseschriftsteller Friedrich Gerstäcker. Ihm wird in besonderer Weise ein Ausstellungsmodul gewidmet, zumal er sich durch seine schriftstellerische Tätigkeit doch in hohem Maße von den übrigen Reisenden abhebt:

 

Gerstäcker im Städtischen Museum

Seine leidenschaftliche Reisetätigkeit, die ihn über den gesamten amerikanischen Kontinent, nach Asien, Australien und die Südsee führte, wird anschaulich dokumentiert ebenso wie seine literarische Umsetzung. Auszüge aus seinen Werken, eventuell als Multimedia-Präsentation, erläutern dem Besucher Gerstäckers Schilderungen eigene Erlebnisse und seine Gedanken dazu. Eigenhändige Romanmanuskripte seiner Bücher und anderer Aufzeichnungen werden präsentiert neben Tagebüchern, Briefen und weiteren Dokumenten. Seine Anleitungen und Ratschläge für Auswanderer, die vielen Menschen damals eine Hilfe bei ihren Entscheidungen waren, werden ebenfalls thematisiert.

 

Auch Objekte brachte Gerstäcker von seinen Aufenthalten in fernen Ländern mit, darunter Gegenstände des eigenen Gebrauchs wie Musikinstrumente, Pferdegeschirr oder Kleidungsstücke, aber auch Erinnerungen an Völker, denen er begegnete, wie einen Darmhautparka und Stiefel der Bewohner der Beringstraße. Regionen und Themen aus Gerstäckers Leben, für die keine Gegenstände aus seinem Nachlass zur Verfügung stehen, werden mit jenen von reisenden Zeitgenossen aus den Sammlungen des Museums ergänzt. Dazu gehört als herausragendes Beispiel ein Birkenrindekanu der Indianer Nordamerikas.

 

In Vorbereitung dieser Präsentation werden weiterführende Forschungen durchgeführt, etwa um die genaue Herkunft von Objekten aus der Sammlung Gerstäcker zu eruieren und um sie mit seinen Reisebeschreibungen in Kongruenz setzen zu können. Einige der Objekte müssen vorab von externen Fachleuten restauriert werden.
 

 

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