Rat und Stadtbezirksräte

ALLRIS - Vorlage

Antrag (öffentlich) - 20-14766

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Beratungsfolge

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Beschlussvorschlag

Der Rat möge beschließen:

Der Rat bittet den Stadtbezirksrat im Stadtbezirk 332 Schunteraue um die Befassung mit einer Umbenennung des Teilstückes der Straße Boeselagerstraße an der Landesaufnahmebehörde in „Christoph-Schlingensief-Straße“.

 

 

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Sachverhalt

Sachverhalt:
Die Landesaufnahmebehörde Niedersachsen sitzt in Braunschweig in der Boeselagerstraße 4.
Unabhängig der Bedeutung  und Erklärung des Namens [1] ist es den Geflüchteten, die nun dort ihre neue Unterkunft haben, nicht zu vermitteln, warum ihre erste Bleibe in Sicherheit diesen Namen trägt. Niemand möchte in einem Lager wohnen – schon gar nicht in einem Boeselager – auch nicht, wenn nur die Straße so heißt. Nicht nur Menschen ohne oder mit wenig deutschen Sprachkenntnissen sind irritiert von dem Namen. Und auf die Erklärungstafeln schauen nur diejenigen, die direkt vor Ort sind und diese Schrift auch lesen können.

Selbst bei mehr Sprachkenntnissen oder mit Hilfe von Dolmetschern wird es schwierig sein, nach den schrecklichen Erlebnissen in ihrem Heimatland durch Krieg und Flucht den tatsächlichen Hintergrund und Namensgeber zu erklären. Auch die Diskussion um die Gedenkkultur und Denkmäler in der Stadt Braunschweig, welche im Ausschuss für Kultur und Wissenschaft angestoßen wurde, spielt hier rein.
Alles in allem eine Anzahl von Faktoren, aufgrund derer gehandelt werden sollte. Daher halten wir es für wünschenswert, wenn sich der Bezirksrat aufgrund seiner Zuständigkeit damit beschäftigt und hoffen, dass zumindest der Straßenbereich an der Landesaufnahmebehörde umbenannt werden könnte in „Christoph-Schlingensief-Straße“.

Christoph Schlingensief war einige Jahre Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK). 2006 wurde er zum Gastprofessor an die Hochschule berufen. Drei Jahre später berief ihn der niedersächsische Kulturminister Lutz Stratmann auf die ordentliche Professur an die HBK. Hier leitete er den Lehrstuhl "Kunst in Aktion" [2,3]

Bekannt wurde der 2010 verstorbene Kunstprofessor durch seine Arbeiten als Aktionskünstler, Autor, Filmemacher und Theaterregisseur. Er sorgte weltweit für Aufsehen und Bewunderung, denn seine Werke zeichneten sich durch visionäre Sichtweisen und Provokation aus. Er regte zum Nachdenken, zum Hinterfragen der eigenen Sichtweisen und die von anderen an, er hat Kunst neu gedacht.

Der auch international geachtete Künstler, der u.a.  mit politischen Aktionen auf sich aufmerksam machte, brachte Kunst in einen Kontext, der vorher eher selten bis gar nicht in solchen Zusammenhängen betrachtet worden war. Er persiflierte, provozierte und  überschritt regelmäßig sogenannte künstlerische Grenzen. Christoph Schlingensief thematisierte in seinen Werken Rassismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus. Mit seiner Kunstaktion „Ausländer raus - Bitte liebt Österreich“, wies er eindringlich und unnachahmlich auf die Fremdenfeindlichkeit in westlichen Kulturen hin. [2,4,5,6,7]

Auch war er der Ideengeber für das immer noch laufende Projekt „Operndorf in Afrika". Die Idee ruht auf den Säulen Bildung, Gesundheit und Kultur. Darauf soll ein Ort der interkulturellen und internationalen Begegnungen entstehen, an dem sich Menschen unterschiedlicher Herkunft verwirklichen und miteinander kulturell und künstlerisch austauschen können. Auch war sein Wunsch, damit eine Plattform zu entwickeln, die einen postkolonialen Diskurs anstößt, womit neue und differenzierte Afrikabilder entstehen können und eine Sensibilisierung der unterschiedlichen Kulturen stattfindet. Mittlerweile ist der Bau der Schule und einer Krankenstation realisiert worden. [8,9,10]

Sein interdisziplinäres Wissen und Wirken war für die Studierenden der Schlingensief-Klasse in Braunschweig prägend. Sie ehrten ihn dieses Jahr anlässlich seines 10. Todestages bei einem Open-Air-Festival am Kunstverein DIE H_LLE, organisierten eine Ausstellung im Städtischen Museum sowie ein Podiumsgespräch zu seinem Projekt „Operndorf“. [2,10] Aufgrund der Corona-Pandemie fanden nicht alle Veranstaltung der diesjährigen Hommage an ihn planmäßig statt.

Seine Professur in Braunschweig hat eine hohe Bedeutung für die künstlerische Identität der Stadt, denn seine Studierenden tragen das durch ihn – mit ihm Erlernte, das Erfahrene weiter, lassen es einfließen in die Kunstszene in Braunschweig und in andere Städte und Länder. Sie stehen damit für einen weiterhin unverstellten Blick, kritischen sowie umfassenden Blick auf Kunst und was sie zu leisten vermag – hier und anderswo auf der Welt.

Um Christoph Schlingensief und seinem Wirken und Nachwirken in Braunschweig ein ehrendes Andenken in der Stadt zu bewahren, bitten wir den Stadtbezirksrat im Stadtbezirk 332 Schunteraue um die Befassung mit einer Umbenennung des Teilstückes der Boeselagerstraße an der Landesaufnahmebehörde in „Christoph-Schlingensief-Straße“.

 

 

Quellen:

[1] https://www.buergerstiftungbraunschweig.de/fileadmin/Medien/Text/Projekte/Strassennamen/namenserklaerung_boeselagerstrasse.pdf

[2] https://www.ndr.de/kultur/kunst/niedersachsen/Ehemalige-Studierende-erinnern-an-Christoph-Schlingensief,schlingensief164.html

[3] http://www.hbk-bs.de/hochschule/personen/christoph-schlingensief/
[4] https://www.lokalkompass.de/oberhausen/c-kultur/oberhausen-wuerdigt-christoph-schlingensief_a199303
[5]  https://www.ndr.de/kultur/Bettina-Boehler-ueber-ihre-Schlingensief-Doku,schlingensief178.html

[6] https://www.ndr.de/kultur/film/Schlingensief-Film-wuerdigt-Regisseur-und-Aktionisten,schlingensief180.html

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Ausl%C3%A4nder_raus!_Schlingensiefs_Container

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Operndorf_Afrika

[9] https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/schlingensief-operndorf-burkina-faso-afrika-10-jahre-104.html

[10] https://www.ndr.de/kultur/Franziska-Pester-ueber-Christoph-Schlingensief,pester102.html

 

 

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