Rat und Stadtbezirksräte

ALLRIS - Vorlage

Stellungnahme - 20-14687-01

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Beratungsfolge

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Sachverhalt

Sachverhalt:

 

Nach Schätzungen der Deutschen Alzheimergesellschaft sind derzeit etwa 1,6 Millionen Menschen in Deutschland an einer Form der Demenz erkrankt. Sollten in Zukunft keine Durchbrüche in Prävention und medizinischer Therapie gelingen, wird sich die Krankenzahl bis zum Jahr 2050 auf 2,4 bis 2,8 Millionen – je nach Variante der Vorausberechnungen der Bevölkerungszahl – erhöhen. Schon jetzt kommen jährlich rund 330.000 Neuerkrankungen hinzu, also mehr als 900 täglich. Da die Zahl der Neuerkrankten diejenige der versterbenden Betroffenen übersteigt, liegt der jährliche Saldo der Demenzerkrankten zukünftig zwischen 25.000 und 40.000 Personen.

 

Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimererkrankung, von der rund 60 % aller Demenzerkrankten betroffen sind. Daneben existieren noch eine ganze Reihe weiterer Typen – z. B. vaskuläre, frontotemporale oder Lewy-Körperchen-Demenzen – denen verschiedene Ursachen zugrunde liegen.

 

Der größte individuelle Risikofaktor für eine Demenzerkrankung ist ein hohes Lebensalter. Das bedeutet, das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, nimmt mit zunehmenden Alter exponentiell zu. So sind aktuell etwa 9 % aller ab 65-Jährigen in Deutschland betroffen, während unter den ab 90-Jährigen die Prävalenzrate bereits bei 41 % liegt.

 

Ob aufgrund gesünderer Lebensführung oder längerer körperlicher, sozialer und kognitiver Aktivität die Prävalenzraten zukünftig sinken, ist in der Wissenschaft umstritten. So kommen verschiedene Studien zu gegenläufigen Aussagen – entweder werden relativ konstante Raten für die nächsten Jahre und Jahrzehnte erwartet oder ein leicht rückläufiger Trend vorhergesagt.

 

Vor diesem Hintergrund beantwortet die Verwaltung die Fragen der CDU-Fraktion vom 09.11.2020 (DS 20-14687) wie folgt:

 

Zu Frage 1:

 

Offizielle Statistiken zu erfolgten Diagnosen demenzieller Erkrankungen existieren bundesweit nicht. Eigene Erhebungen führt die Verwaltung in diesem Bereich nicht durch. Anhand der allgemeinen alters- und geschlechtsspezifischen Prävalenzraten können jedoch Hochrechnungen erfolgen, die Aussagen zu Situation und Entwicklung in Braunschweig zulassen.


 

Laut Deutscher Alzheimergesellschaft bestehen folgende Prävalenzraten in den jeweiligen Altersklassen:

 

Alter

Prävalenzraten demenzieller Erkrankungen in Prozent

Männer

Frauen

insgesamt

65 bis 69 Jahre

1,1

1,5

1,3

70 bis 74 Jahre

3,1

3,4

3,3

75 bis 79 Jahre

7,0

8,9

8,1

80 bis 84 Jahre

10,7

13,1

12,1

85 bis 89 Jahre

16,3

24,9

21,8

90 Jahre und älter

29,7

44,8

40,9

 

Demenzen mit frühem Beginn, bei denen die Betroffenen jünger als 65 Jahre sind, treten nur sehr selten auf. In der Altersklasse zwischen 45 und 64 Jahren wird eine Prävalenzrate von etwa 0,1 % angenommen.

 

Unter Berücksichtigung der Prävalenzraten sowie der Bevölkerungsentwicklung waren am Jahresende 2009 geschätzte 4.200 Personen in Braunschweig von einer Demenz betroffen. Aufgrund der voranschreitenden Alterung der Bevölkerung und insbesondere durch die starke Zunahme der Anzahl hochaltriger Personen kann zum Ende des Jahres 2019 von rund 4.850 Menschen, die an einer Demenz leiden, ausgegangen werden – dies entspricht einem Anstieg in den letzten zehn Jahren um gut 15 %.

 

Zu Frage 2:

 

Demenzielle Erkrankungen und damit einhergehende Probleme in der häuslichen Betreuung und Pflege der Betroffenen stellen einen häufigen Grund für den Einzug in ein Pflegeheim dar. Im Bereich der stationären Pflege existiert mit dem Haus Auguste (Träger ambet e. V.) eine auf demenziell erkrankte Bewohnerinnen und Bewohner spezialisierte Einrichtung im Stadtgebiet, die 35 Plätze vorhält. Daneben wird in der Pflegeoase des DRK-Heimes Steinbrecherstraße ein spezielles Konzept der Betreuung von schwer pflegebedürftigen Menschen mit Demenz angeboten.

 

 

Beschützte Stationen werden in den Einrichtungen Haus Brunswik, Curanum Am Stöckheimer Markt und AWO Wohn- und Pflegeheim Querum vorgehalten, es handelt sich insgesamt um 35 Plätze. Die weiteren stationären Pflegeeinrichtungen bedienen sich eines integrativen Ansatzes. Die Belegungsquoten erreichen momentan in fast allen stationären Einrichtungen nahezu 100 %.

 

Da die Symptome einer Demenz zu einem fortschreitenden Verlust sämtlicher Alltagskompetenzen führen können, ist der Betreuungsbedarf der Betroffenen sehr hoch. Daher sind Angebote zur Entlastung pflegender Angehöriger elementar, um die Betreuungs- und Pflegekapazitäten in den Familien möglichst zu erhalten und somit einen langen Verbleib der Erkrankten in ihrer Häuslichkeit zu gewährleisten.

Zu den sowohl für die Betreuung, Aktivierung und Teilhabe fördernden als auch die Pflegenden entlastenden Angeboten zählen Tagespflegen und sogenannte Angebote zur Unterstützung im Alltag (AZUA). Durch den stetigen Ausbau in den letzten Jahren existieren mittlerweile sechs Tagespflegen in Braunschweig. Vom Land Niedersachsen anerkannt und gefördert werden aktuell 21 AZUA – darunter z. B. die konzeptionell ausgerichteten speziellen Angebote der Nachbarschaftshilfen.

 

Wichtig für die Inanspruchnahme von Leistungen bzw. die Vermittlung in bestehende Infrastrukturen zur Hilfe, Betreuung und Pflege ist die Beratung. Dafür werden sowohl die Gerontopsychiatrische Beratungsstelle des Vereins ambet als auch die Sozialarbeit in den Sozialstationen durch städtische Mittel unterstützt.

 

Neben den Beratungsangeboten engagiert sich die Gerontopsychiatrische Beratungsstelle auch in Projekten zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit (Demenzfreundliche Kommune) oder zur Vernetzung unterschiedlicher Akteure (FIDEM, KoGeBe).

 

Verschiedene Träger bieten zudem Gesprächskreise für pflegende Angehörige oder spezielle Veranstaltungen (z. B. Tanzcafés) an.

 

Zu beachten ist, dass sämtliche Angebote auch von Menschen aus dem Umland in Anspruch genommen werden und somit ein Abgleich der geschätzten Betroffenenzahlen mit den Angebotskapazitäten in Braunschweig nicht ohne weiteres möglich ist.

 

Zu Frage 3:

 

Das Versorgungssystem in Braunschweig ist mit den verschiedenen Angeboten zur Betreuung und Pflege Demenzerkrankter sowie zur Entlastung pflegender Angehöriger bisher gut aufgestellt. Dennoch ist angesichts der zu erwartenden Steigerungsraten ein weiterer Ausbau von Beratungs-, Betreuungs- und Unterstützungsangeboten wahrscheinlich notwendig. Insbesondere alleinlebende Menschen mit Demenz sowie die stark belasteten pflegenden Angehörigen bedürfen in besonderem Maße einer guten Einbindung in soziale Netzwerke sowie zugehender Hilfs- und Beratungsangebote.

 

Die Verwaltung wird im Rahmen der momentan stattfindenden Aktualisierung der Altenhilfe- und Pflegeplanung den Themenbereich Demenz betrachten und ggf. in Kooperation mit den entsprechenden Trägern Notwendigkeiten und Möglichkeiten einer Weiterentwicklung der Angebotsstruktur diskutieren.

 

Darüber hinaus besteht die Hoffnung, durch das in 2021 beginnende Landesmodellprojekt Präventive Hausbesuche den frühzeitigen Zugang Betroffener in die Hilfesysteme zu verbessern.

 

Aktuell ist ein neues Projekt der Gerontopsychiatrischen Beratungsstelle in Vorbereitung, das unter dem Titel Café Sorglos einen Beitrag zur Entlastung pflegender Angehöriger sowie zur Förderung der Teilhabe von Menschen in der Frühphase der Demenz leisten möchte. Dabei soll ein Bereich in einem innenstadtnahen Café entstehen, in dem Betroffene adäquat betreut werden, während die Angehörigen Einkäufe, Arztbesuche oder Behördengänge erledigen.

 

 

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