Rat und Stadtbezirksräte

ALLRIS - Vorlage

Antrag (öffentlich) - 21-15133

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Beratungsfolge

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Beschlussvorschlag

Die Verwaltung wird gebeten, unter Mithilfe von externen Experten (bspw. Stadtteilheimatpfleger, Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte) zu prüfen, ob eine Bewerbung um den Titel als UNESCO-Weltkulturerbe mit Braunschweigs Konzept der fünf Traditionsinseln Aussicht auf Erfolg haben könnte.

Für den Fall einer positiven Prüfung sollen die entsprechenden Unterlagen beim niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur zur Aufnahme in die sogenannte Tentativliste eingereicht werden.

Die Ratsgremien sind fortlaufend über den aktuellen Sachstand zu informieren. 

 

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Sachverhalt

Sachverhalt:

Mit einer Mitteilung zur Sitzung des Planungs- und Umweltausschusses am 2. Dezember des vergangenen Jahres („Tentativliste UNESCO-Weltkulturerbe“, DS-Nr. 20-14863) informierte die Verwaltung darüber, dass die Stadt Braunschweig durch das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) aufgefordert worden sei, eine Bewerbung für die Aufnahme in die Tentativliste zur Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe zu prüfen. 

Selbst bei einer positiven Prüfung in Braunschweig steht vor einer tatsächlichen Aufnahme in die Liste der Welterbestätten die Entscheidung, ob sich zunächst das Land Niedersachsen (maximal zwei Vorschläge pro Bundesland) und anschließend die Bundesrepublik Deutschland (lediglich ein Vorschlag wird an die UNESCO übermittelt) hinter diesem Vorschlag versammeln. Später folgt dann ein internationales Prüf- und Auswahlverfahren, so dass das gesamte Verfahren einen Zeitraum von zehn Jahren einnahmen kann. Eine mögliche Braunschweiger Bewerbung muss also fachlich fundiert sein, um diese zahlreichen Hürden nehmen zu können. Allerdings heißt dieses im Umkehrschluss auch, dass sich die Chance auf Aufnahme in die Tentativliste nicht ständig aufs Neue ergibt. 

In der bereits zitierten Verwaltungsmitteilung aus dem Dezember wird inhaltlich leider nur erneut aufgeführt, warum die Projekte, welche bereits vor rund 20 Jahren verworfen wurden (Burgplatz, Wallring), auch heute nicht realisierbar sind. Dabei bietet die Frage, wie Braunschweig mit der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs umgegangen ist, den von der UNESCO geforderten außergewöhnlichen universellen Wert für die Menschheit. Es besteht derzeit die nahezu einmalige Chance, einen großen Wurf für die Stadt Braunschweig aber auch die gesamte Region zu landen. Diese Chance sollte ergriffen werden. 

 

Nachfolgend ist ein erster historischer Abriss zu den fünf Braunschweiger Traditionsinseln zusammengetragen. Diese könnte als Grundlage für die weitere Arbeit von Bau- und Kulturverwaltung dienen, zu der auch externe Experten hinzugezogen werden sollten. 

Im 2. Weltkrieg wurde das alte Braunschweig zu 90 Prozent zerstört. Rund 2.000 Fachwerkhäuser brannten dabei aus, mehr als in jeder anderen Stadt. Erhalten blieb lediglich der weitgehend auf dem Mittelalter basierende Grundriss. Darauf aufbauend entwickelte der damalige Landeskonservator Kurt Seeleke das einmalige Denkmalkonzept der Traditionsinseln. So ist Braunschweigs Rolle als Metropole des Mittelalters und der Frühen Neuzeit trotz der großen Zerstörung noch heute ablesbar.

Nach Beseitigung von Schäden an den Kirchen wurden Baudenkmale repariert, wo nötig rekonstruiert, wertvolle Bausubstanz von anderer Stelle umgesetzt und die Neubauten gestalterisch mit ihnen abgestimmt. Das Konzept bedeutete, dass Erhaltenes auf den Traditionsinseln konzentriert wurde und gleichzeitig Raum für den Neuaufbau der Stadt nach modernen Gesichtspunkten erfolgen konnte. Ein derartiges städtebauliches Vorgehen ist in dieser Art einmalig auf der Welt.

Kein Weltkulturerbe hat bislang die Wiederaufbauleistung und Entwicklung Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg zum Thema. Kriterien für eine Aufnahme in das Welterbe sind neben Authentizität (historische Echtheit) und Integrität (Unversehrtheit) vor allem ein außergewöhnlicher universeller Wert für die Menschheit. Aus unserer Sicht erfüllen die Traditionsinseln mit ihrer Entwicklung seit 1945 diese Kriterien und bieten einen neuen Ansatz für die Bewerbung beim Land Niedersachsen. Deswegen bitten wir die Verwaltung die Chancen zu prüfen.

 

Die Traditionsinseln wurden um die großen Stadtkirchen in jenen Quartieren gebildet, in denen Substanz erhalten geblieben war. Dazu zählen der Dom mit dem Burgplatz, St. Magni mit dem Magniviertel, St. Michaelis mit dem Michaelisviertel, Martinikirche mit dem Altstadtmarkt und St. Aegidien mit dem Aegidienviertel.

Herausragend ist der Burgplatz mit dem Dom (erbaut 1173) und dem Burglöwen als älteste mittelalterliche Großplastik nördlich der Alpen. Eines der bedeutendsten Kunstwerke des Braunschweiger Doms ist das romanische Imervard-Kreuz, das auf das Jahr 1150 geschätzt wird. Im Zusammenhang mit den Traditionsinseln kommt dem Huneborstelschen Haus große Bedeutung zu. Seine Fachwerkfassade war auf Bestreben Seelekes bereits 1944 abgenommen und gesichert worden. 1955 kehrte sie aus der damaligen DDR zurück. Fehlende Balken wurden nach Fotografien rekonstruiert.

Am Gewandhaus auf dem Altstadtmarkt waren sämtliche Fachwerkanbauten zerstört worden. Als Erinnerung an die sogenannten Krambuden wurde 1949 das ehemalige Rüninger Zollhaus dort angebaut. Am Gewandhaus wurde auch das erhaltene Portal der ehemaligen Hagenmarkt-Apotheke (um 1600) eingebaut. Der Marienbrunnen (entstanden 1408) wurde wiederhergestellt. Das Stechinelli-Haus und das Haus „Zu den sieben Türmen“ wurden wiederaufgebaut.

Das weitgehend erhaltene Magniviertel bietet noch heute das stimmige Bild einer Handwerkersiedlung des 15. bis 17. Jahrhunderts. Bemerkenswert sind das Bürgermeisterhaus „Am Magnitor 1“ (1490) und die Fachwerkhäuser hinter der Magnikiche. Bestandteil von Haus Nummer 4 ist der versetzte Rest der Ulricipfarre vom Kohlmarkt.

Im Ägidienviertel wurde das Geburtshaus von Louis Spohr wiederhergerichtet. 1979 wurde noch das Haus Wallstraße 8, in dem Johann Anton Leisewitz 1806 gestorben ist, nach hier umgesetzt und ist das Gemeindezentrum von St. Nicolai).

Im Michaelisviertel hat das Studentenwerk Braunschweig 1984 aus zwei originalen und zehn geschickt nachempfundenen Fachwerkhäusern das Studentenwohnheim „Michaelishof“ geschaffen. Südlich der Kirche blieb das stattliche Renaissancegebäude „Haus zur Hanse“ aus der Zeit um 1560 erhalten, und in der Echternstraße 16 steht das restaurierte Stobwasserhaus der einstigen Lackwarenmanufaktur von 1771, in dem 1890 der spätere Reichspräsident Friedrich Ebert als junger Sattlergeselle wohnte. Auch Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung sind am Gieselerwall mit einem Stück Stadtmauer und an der Echternstraße ein Wachtturm mit einem gedeckten Wehrgang zum Neustadtmühlengraben. In der Alten Knochenhauerstraße sind bemerkenswerte Fachwerkhäuser wie der „Ritter St. Georg“ von 1470 bis 1489 vorhanden, die zum Teil noch ihre reiche Holzarchitektur aufweisen

Durch Aufnahme in die Denkmalpflegesatzung der Stadt Braunschweig von 1963 wurden die Traditionsinseln unter gesetzlichen Schutz gestellt. 

 

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