Rat und Stadtbezirksräte
Mitteilung - 21-15745
Grunddaten
- Betreff:
-
Stadtfriedhof neuer Teil, Abteilung "sogenannter Ausländerfriedhof - Ruhestätte der Opfer des Nationalsozialismus" - Historische Recherche
- Status:
- öffentlich (Vorlage freigegeben)
- Vorlageart:
- Mitteilung
- Federführend:
- 41 Fachbereich Kultur und Wissenschaft
- Beteiligt:
- DEZERNAT IV - Kultur- und Wissenschaftsdezernat
- Verantwortlich:
- Dr. Hesse
Beratungsfolge
| Status | Datum | Gremium | Beschluss | NA |
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●
Erledigt
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Ausschuss für Kultur und Wissenschaft
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zur Kenntnis
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16.04.2021
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Sachverhalt
Sachverhalt:
Am 4. September 2018 hat der Rat der Stadt Braunschweig die Verwaltung beauftragt, ein angemessenes Gestaltungskonzept für die Abteilung „Ausländerfriedhof“ des Stadtfriedhofs am Brodweg zu erarbeiten, die Kosten zu ermitteln und dem Rat zur Beschlussfassung vorzulegen (Drs. 18-08777). Das vom Rat am 6. Februar 2001 beschlossene „Konzept zur Planung, Errichtung und Gestaltung von städtischen Erinnerungsstätten zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ (Gedenkstättenkonzept) und die im Sachverhalt genannten Überlegungen sollten dabei berücksichtigt werden.
In der Sitzung des Grünflächenausschusses am 25. März 2021 wurde im Rahmen der Vorberatung der Vorlage Stadtfriedhof neuer Teil, Abteilung "sogenannter Ausländerfriedhof - Ruhestätte der Opfer des Nationalsozialismus" - Gesamtkonzept (Drs. 21-15338) zur Befassung des Verwaltungsausschusses und des Rates der Stadt das vorgelegte Konzept mit neun Stimmen bei einer Enthaltung angenommen.
Auf Wunsch der Mitglieder des o. g. Ausschusses erfolgt für den Ausschuss für Kultur und Wissenschaft eine gesonderte Mitteilung zu der wissenschaftlichen Recherche zu dem sog. Ausländerfriedhof. Die im Rahmen des Gesamtkonzeptes dargelegten Ergebnisse der Recherche sind zu diesem Zweck übernommen und ergänzt worden. Die Vorlage wird als Anlage 1 inkl. der dort als Anlage geführten Unterlagen zu Plan- und Texttafelmaterial dieser Mitteilung beigefügt.
Ergebnisse der Historiker-Recherche:
Dem Konzept-Auftrag zugrunde gelegt wurde u. a. das Ergebnis eines Ortstermins auf dem sog. „Ausländerfriedhof“ am 27. Juli 2018 (zitiert nach Drs. 18-08777):
„(…) Allerdings ist bei diesem Ortstermin auch deutlich geworden, dass weder über den historischen Zusammenhang des Gräberfeldes, dessen Geschichte, noch über jene Menschen Informationen bereitgehalten werden, die dort begraben sind. Diese Defizite gilt es aufzulösen.
Auf dem städtischen „Ausländerfriedhof“ sind insgesamt 1211 ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus überwiegend sowjetischer und polnischer Herkunft bestattet. 698 von ihnen ruhen in Einzelgräbern, 513 – meist Opfer des schweren Luftangriffes auf Braunschweig am 15.10.1944 – in einem Sammelgrab.
Deshalb sollte eine namentliche Zuordnung der Einzelgräber sowie Hinweise und Erläuterungen zu den Sammelgräbern für die Friedhofsbesucher gegeben werden.“
Für die gewünschte Recherche zur Erstellung einer geschichtlichen Darstellung der Entwicklung des sogenannten „Ausländerfriedhofs“ und der Beschreibung der Belegung respektive der dort bestatteten Personen wurde ein Historiker durch die Verwaltung beauftragt.
Die Aufgabenstellung an den beauftragten Historiker sah die möglichst lückenlose Analyse und Dokumentation der bislang bekannten Quellen und der Sekundärliteratur sowie möglichst die Recherche und Erschließung zusätzlicher weiterer Quellenbestände in der städtischen Registratur der Abt. 67.3 (Friedhofs- und Bestattungswesen), im Stadtarchiv Braunschweig sowie im Niedersächsischen Landesarchiv Standort Wolfenbüttel vor.
Als Ausgangspunkt für die Bearbeitung wurde u. a. das Projekt der Totenbücher der Gedenkstätte Friedenskapelle (https://www.gedenkstaette-friedenskapelle.de/vereinsarbeit/die-totenbücher/) gewählt, der bislang wichtigste Beitrag, die auf dem sog. „Ausländerfriedhof“ beigesetzten Opfer zu würdigen und nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Zu diesem Zweck erfolgte auch der Austausch mit der Bearbeiterin und dem Bearbeiter der Totenbücher. Da die Totenbücher allerdings nur bis zum 8. Mai 1945 verstorbene Personen erfassen und die nach diesem Datum beigesetzten Personen bislang nicht recherchiert worden waren, stand von Anfang fest, dass im Rahmen des aktuellen Auftrages auch die nach dem 8. Mai 1945 beigesetzten Opfer in die Recherche einzubeziehen sind um dieses Desiderat zu beseitigen.
Quellen und Literatur:
Die einschlägigen Quellenbestände in der städtischen Registratur der Abteilung Friedhofs- und Bestattungswesen, im Stadtarchiv Braunschweig, im Niedersächsischen Landesarchiv Standort Wolfenbüttel, im Archiv KZ Drütte, im Arolsen Archiv - International Center on Nazi Persecution und im Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport - Akten der Mission Française de Recherches et Transferts wurden gesichtet, ausgewertet und neu erfasst (vgl. auch Drs. 19-11376).
So wurden u. a. knapp 50 relevante Sterbebücher aus dem Stadtarchiv Braunschweig ausgewertet. In den Sterbebüchern finden sich in unterschiedlicher Qualität Angaben zu den Lebensdaten, zur Herkunft, zu verwandtschaftlichen Verflechtungen, zu Todesumständen (genauer Ort, Urzeit, Ursache) sowie zu den Lebens- und Einsatzorten. Damit übersteigt die Datenbasis sowohl die erfassten Daten aus dem überlieferten Akten des Krematoriums wie auch die des ehem. Stadtgartenamtes. Gleichzeitig bieten diese Daten eine Möglichkeit zur Kontrolle später angelegter Verzeichnisse – auch hinsichtlich von Übertragungs- und Lesefehlern.
Für die Frage der Belegungsgenese nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg sind auch Daten des KZ Drütte / Salzgitter einbezogen worden. Erfasst wurden die Sterbedaten von etwa 130 Personen aus dem Stadtarchiv Salzgitter, die im Rahmen der Belegung des Braunschweiger „Ausländerfriedhofs“ identifiziert wurden. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um Personen, die zum Aufbau und Betrieb der Reichswerke „Hermann Göring“ herangezogen waren und überwiegend 1942 und 1943 zu Tode kamen. Sie wurden nach Anlieferung durch das Hannoveraner Bestattungsunternehmen Wiese im Braunschweiger Krematorium eingeäschert; ihre Urnen wurden hier eingelagert und nach Kriegsende auf dem sog. Ausländerfriedhof beigesetzt.
Deutlich wird hier die überregionale Vernetzung von Unternehmen und Kommunen im Zusammenhang der Kriegswirtschaft und der Zwangsarbeit. Die Identifizierung dieser Opfergruppe verdeutlicht, dass Arbeitsort, Sterbeort und Begräbnisort nicht immer identisch waren. Ausgehend von den Drütter Opfern stellen sich weiterführende Fragen zu den Arbeitsabläufen und Befehlsketten hinsichtlich des Umgangs mit den Opfern der Zwangsarbeit sowie zu den Arbeitsabläufen im Braunschweiger Krematorium. Eine vertiefende Recherche konnte im Rahmen des Arbeitsauftrages nicht geleistet werden.
Aktenverluste, aber auch die Limitierung der Recherchen auf das im Wesentlichen in Braunschweig und regional verfügbare Archivalienmaterial machen eine zukünftige, vollständige Ermittlung der Namen aller auf dem Ausländerfriedhof beigesetzten Personen derzeit eher unwahrscheinlich. Von einer noch weiterreichenden, bundesweiten Aktenrecherche wurde im Rahmen der für die Neukonzeption der Abteilung erforderlichen Untersuchung abgesehen.
Sämtliche Quellen und Sekundärliteraturtitel werden der Gesamtdokumentation im Internet der Stadt Braunschweig angefügt werden. Dadurch wird es für zukünftige Untersuchungen möglich, auf den bereits gesichteten Beständen aufzubauen und ggf. in anderen Archiven lagernde Quellenfunde mit der Internetseite zu verlinken respektive neue Recherche-Ergebnisse zu Opfern nach Braunschweig zu übermitteln.
Mit Blick auf den zahlenmäßig großen Anteil von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern unter den Opfern wurde ein gesondertes Literaturverzeichnis zum Thema Zwangsarbeit in Braunschweig und der Region angelegt, das ebenfalls auf der Internetseite zu finden sein wird. Dieses Verzeichnis wird fortgeschrieben und ermöglicht es Interessierten, sich vertiefend mit dem Thema der Zwangsarbeit auseinanderzusetzen und den Kontext zu den Betrieben herzustellen, in denen Opfer, die auf dem sog. „Ausländerfriedhof“ beigesetzt worden sind, gearbeitet haben.
Es ist überdies geplant, eine zeitgenössische Liste (StadtA BS E 67 Nr. 242) mit Unternehmen und der Anzahl der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen sowie der Lager zu ihrer Unterbringung im Rahmen des Online-Auftrittes zu veröffentlichen. Eine weiterführende Recherche zu Orten und Unternehmen, die in das System der Zwangsarbeit in Braunschweig eingebunden waren, hätte jegliche inhaltlichen, zeitlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen des Rechercheauftrages gesprengt.
Opferrecherche:
Auf dem Ausländerfriedhof sind über den 8. Mai 1945 hinaus bis in das Jahr 1954 weiterhin Bestattungen, aber auch Umbettungen von anderen Begräbnisorten durchgeführt worden. Nicht alle Gräber auf diesem Friedhof fallen unter das Kriegsgräbergesetz; alle hier Bestatteten jedoch sind mittelbar oder unmittelbar Opfer des nationalsozialistischen Herrschaftssystems.
Eine erste Auswertung ergab, dass etwa 190 Opfer exhumiert und umgebettet wurden. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um italienische, französische und US-amerikanische Tote. Die italienischen Staatsangehörigen sind in der Regel auf die zentrale Gedenkstätte in Hamburg-Öjendorf umgebettet worden.
Die Auswertung der Quellen und die in der Sekundärliteratur ausgewiesenen Datenerhebungen haben es ermöglicht, ausgehend von einer ersten namentlichen Identifizierung von 573 Gräbern respektive nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beigesetzten Opfern und rd. 1.500 hier beigesetzter Opfer in den 1950er Jahren, nunmehr rd. 1.900 Opfer namentlich erfassen zu können. In vielen Fällen konnten im Rahmen der Auswertungen auch unterschiedliche Namensüberlieferungen für Einzelpersonen entschlüsselt und weiterführende Informationen zu individuellen Schicksalen gesichert, Umbettungsprozesse aus unterschiedlichen Friedhöfen der Stadt, aber auch der Region, ausgewiesen und Einzelfragen wie die der Kinderbestattungen vertiefend recherchiert werden. Die so erhobenen Daten werden in eine neue Namensliste der Opfer Eingang finden.
Eine spezifizierte Auswertung der Daten nach Altersstruktur konnte bislang nicht erfolgen. Zurzeit ist aber davon auszugehen, dass auf dem sog. Ausländerfriedhof etwa 170 Kinder, die im Entbindungsheim Broitzemer Str. 200 zur Welt kamen, beigesetzt wurden.
Im Rahmen der aktuellen Untersuchung konnte in den Akten des ehem. Stadtgartenamtes kein Nachweis über das Verstreuen von Asche auf dem Gelände des sog. Ausländer-friedhofs geführt werden.
Hinweise auf verstreute Asche finden sich im Einäscherungsbuch des Krematoriums von Oktober 1944. Ein diesbezüglicher Ort wurde allerdings nicht angeben. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um Personen deutscher Staatsangehörigkeit sowie um drei Franzosen (Gabriel Robeis, Raymund Velluz und Rene Dufor) und eine konfessionslose Person (Louis Tadiotto), die in Weferlingen uns Leben kamen. Diese Fälle stehen in keinem Zusammen-hang zum sog. „Ausländerfriedhof“. Ihre Erfassung erfolgte eher zufällig und war nicht Bestandteil des Rechercheauftrages. Eine diesbezügliche systematische Auswertung des Einäscherungsverzeichnisses von 1945 erfolgte bislang nicht. Erste Eindrücke lassen offen, ob es sich bei den Eintragungen „Asche verstreuen“ ggf. nur um Anweisungen gehandelt hat. Genaue Orte sind jedenfalls auch hier nicht angegeben. Das Thema des Asche Verstreuens bedarf daher ggf. einer zielgerichteten Recherche, die ihren Ausgang eher nicht bei den Opfern auf dem sog. Ausländerfriedhof zu nehmen hat.
Beispiel für den Mehrwert der Sterbebuchrecherche für ein Kind, das im Entbindungsheim Broitzemer Str. 200 zu Tode kam:
Capko, Edward
Friedhofsliste (S. 8, Nr. 17):
geb. 28.11.1944, Braunschweig
gest. 30.12.1944
Polen
Braunschweig, Broitzemer Str. 200
Grabstelle 4/44 IV
am 27.01.1945 bestattet
Sterbebuch (137/45):
geb. 28.11.1944, Braunschweig (Standesamt BS Nr. 2047)
gest. 30.12.1944, 5:50 Uhr, Entbindungsheim
Dyspepsia simplex
Mutter: Julia Capko, Landarbeiterin
Braunschweig, Broitzemer Str. 200
gemeldet durch Kaufmann Alfred Müller
In Anlage 2 wird anhand einiger weiterer Beispiele der Informationsgewinn zu einzelnen Opfern verdeutlicht. Durch die Kompilation der Einzelinformationen aus den verschiedenen Bestandsgruppen in den Archiven haben sich einzelne Opfer überhaupt erst hinsichtlich ihrer Herkunft, ihrer Nationalität etc. identifizieren lassen. Zusätzliche Informationen konnten zu Todesursachen, der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Betrieb etc. für einzelne Opfer ergänzt werden.
Die Recherchen haben damit insgesamt zu einer quantitativen wie auch qualitativen Ausweitung der Informationsgrundlagen über den sog. Ausländerfriedhof wie den dort liegenden Opfern beigetragen.
Ergebnis-Präsentation:
Die wesentlichen Ergebnisse zu der historischen Entwicklung des Friedhofes und den hier beigesetzten Opfern werden zukünftig zur Information der Friedhofsbesucherinnen und
–besucher vor Ort auf einer sechsteiligen Informationstafel im Y-Format an der nordöstlichen Ecke der Abteilung zu finden sein. Die zur Grundorientierung der Besucher*innen erforderlichen Informationen an den Zugängen zu der Abteilung werden in deutscher und englischer Sprache zu lesen sein.
Alle Informationstafeln werden mit QR-Codes ausgestattet, die auf eine neu zu konzipierende Seite für den „sogenannten Ausländerfriedhof – Ruhestätte der Opfer des Nationalsozialismus“ im städtischen Internet im Bereich Erinnerungskultur leiten werden. Die Internetseite wird auch in englischer Sprache verfügbar sein und mit der Präsentation des Friedhof- und Bestattungswesens verlinkt werden. Inwieweit auf der Internetseite weitere Übersetzungen in polnischer und russischer Sprache angeboten werden können, wird derzeit noch geklärt.
Abrufbar sind neben den Informationen über die Abteilung und die dort beigesetzten Opfer zukünftig auch die Abschlussdokumentation als PDF-Dokument, die neu erstellte Opferliste und eine Gesamt-Fotodokumentation aller Grabstätten. Mit der Fotodokumentation aller Grabstätten wird der aktuelle Erhaltungszustand aller Grabsteininschriften gesichert und als Ausgangspunkt ev. punktueller Sanierungsmaßnahmen verfügbar gemacht. Damit entspricht die Gesamtdokumentation auch den derzeit gültigen Standards in der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Friedhöfen, wie sie u. a. vom Amt für Denkmalpflege kommuniziert werden.
Insgesamt wird mittels der wissenschaftlichen Aufarbeitung und der zukünftigen Vermittlung der Recherche - Ergebnisse im Internet die Erhaltung, Gestaltung und Lesbarmachung des historischen Ortes auf eine neue qualitative Grundlage gestellt. Die Beantwortung von Fragen von Angehörigen, Besucher*innen etc. wird erleichtert. Die im o. g. Ratsauftrag genannten Defizite hinsichtlich der Genese und der Kontextualisierung des Friedhofes und der Informationen über die Opfer konnten in dem gesteckten Rahmen beseitigt werden.
Kosten:
Für die Verpflichtung des Historikers auf der Grundlage von Werkverträgen wurden seit 2018 insgesamt 28.000 € durch den Fachbereich Stadtgrün und Sport und den Fachbereich Kultur und Wissenschaft aufgewandt.
