Rat und Stadtbezirksräte

ALLRIS - Vorlage

Stellungnahme - 21-15749-01

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Beratungsfolge

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Sachverhalt

Sachverhalt:

Nach aktuellen Studien (Handbuch Häusliche Gewalt, 2020) werden Frauen überwiegend Opfer körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt durch aktuelle und / oder frühere Beziehungspartner, während Männer, insbesondere jüngere Männer, häufiger Opfer von körperlicher Gewalt im öffentlichen Raum durch bekannte und unbekannte Personen werden.

Sowohl Frauen als auch Männer werden weit überwiegend Opfer von Gewalt durch männliche Täter. Frauen treten zudem vergleichsweise selten als Täterinnen bei schwerer und systematischer, wiederholter Gewalt in Paarbeziehungen in Erscheinung.

Eine Pilotstudie verweist darauf, dass Männer etwa gleich häufig wie Frauen mindestens einmal eine körperliche aggressive Handlung durch einen Partner oder Partnerin erlebt haben. Sie sind sehr selten von schwerer, bedrohlicher und wiederholter Gewalt betroffen.

Männer machen insgesamt den größten Teil der Opfer im Gewaltkontext allgemein aus (70,3%). Ganz anders ist die Aufteilung im Fall von Partnerschaftsgewalt (2019): 26.889 männlich Betroffene und 114.903 weiblich Betroffene. Bei Tötungsdelikten: 16,9% männliche und 83,1% weibliche Opfer.

Die Dunkelziffer von betroffenen Männern ist wahrscheinlich um einiges höher. Zuschreibungen und Geschlechterklischees verhindern, dass Männer sich als Opfer äußern bzw. dann auch ernst genommen und als Betroffene anerkannt werden. 

Die Istanbul Konvention schützt Frauen und Mädchen aller Schichten, unabhängig von Alter, Rasse, Religion, sozialer Herkunft, sexueller Orientierung oder Aufenthaltsstatus, um nur einige Beispiele zu nennen. Darüber hinaus ermutigt dieses Übereinkommen dazu, es auch auf alle anderen Opfer häuslicher Gewalt anzuwenden, nämlich Männer, Kinder und Senioren.

Hierzu verlangt die Istanbul Konvention im Bereich der Gewaltprävention zum Beispiel auf Einstellungen, Geschlechterrollen und Klischees einzuwirken, die Gewalt gegen Frauen gesellschaftlich akzeptabel machen; Fachpersonal im Umgang mit Opfern von Gewalt zu schulen; die Öffentlichkeit für die verschiedenen Formen von Gewalt und ihrer traumatischen Natur zu sensibilisieren und in allen Bildungsbereichen Unterrichtsmaterial zum Thema Gleichstellung in die Lehrpläne aufzunehmen.

Vor diesem Hintergrund beantwortet die Verwaltung die Anfrage 21-15749 der CDU-Fraktion  wie folgt:

Zu Frage 1.:

Der Braunschweiger Präventionsrat hat das Braunschweiger Hilfeportal initiiert. Hier sind unter braunschweig-hilft.de aktuell rund 170 i.d.R. lokale Stellen aus den Bereichen Prävention, Beratung und weitere Hilfen aufgeführt- darunter fünf Angebote, die sich ausschließlich an Mädchen und Frauen richten. Spezifische Angebote für Jungen und Männer in Braunschweig finden sich in der Übersicht hingegen nicht. Auch gibt es in Braunschweig keine vergleichbaren Netzwerkstrukturen (Jungen- oder Männerarbeitskreis o.ä.), die entsprechende Bedarfe für Jungen und Männer in den Blick nehmen bzw. Angebote entwickeln.

Hilfesuchende wenden sich mitunter direkt an den Präventionsrat, weil sie selbst Opfer von Gewalt wurden oder sich des Problems ihrer eigenen Aggressionen bewusst sind. Rückschlüsse auf die Geschlechterverteilung lassen sich daraus jedoch keine ziehen.

Zum Thema Häusliche Gewalt gibt es in Braunschweig einen "Runden Tisch Häusliche Gewalt". Hier arbeiten Polizei, (Fach-) Beratungsstellen, Juristinnen (Anwältinnen, Richterin und Staatsanwältin), Jugendamt, Gleichstellungsreferat, Täterberatung, Frauenhaus und das StoP-Projekt zusammen. Eine kleinere Gruppe daraus arbeitet fachübergreifend in Fallkonferenzen an Hochrisikofällen. Eine spezielle Anlaufstelle für Männer zum Thema Gewalt gegen Männer gibt es in Braunschweig nicht.

Zu Frage 2.:

Wie die Studien aufzeigen, ist die Dunkelziffer von betroffenen Männern wahrscheinlich sehr hoch. Im Bereich der Jugendlichen ergaben die CTC-Befragungen, dass eine erschreckend hohe Anzahl schon in den ersten Beziehungen Gewalterfahrungen machen.

Die Gleichstellungsbeauftragte hat eine Abfrage an alle Beteiligten am Runden Tisch Häuslicher Gewalt gestellt und darum gebeten, das Thema beim Treffen am 26.05.2021 auf die Tagesordnung zu setzen.

Der Runde Tisch hat das Thema am 26.05.2021 besprochen und teilt die Einschätzung, dass Gewalt gegen Männer/ Männer als Opfer Häuslicher Gewalt wichtige Themen sind, bei denen eine hohe Dunkelziffer vermutet werden muss.

Anlaufstellen, an die vermittelt werden kann, sind die Opferhilfe und die BISS-Beratungsstelle.

Die BISS-Beratungsstelle (Beratung und Intervention bei häuslicher Gewalt), die Beratungen auch für männliche Opfer häuslicher Gewalt anbietet, erfasste für das Jahr 2020: 62 Männer als bekannte "Beratungsfälle"(441 Frauen). Von den 62 Betroffenen Männern in 2020, welche eine schriftliche Information über die BISS bekommen haben, wurden zwei Männer beraten.

Bei der Stiftung Opferhilfe Niedersachsen wurden in den Jahren 2018: 27,8%, 2019: 29,1% und 2020: 16,3% männliche Opfer von Straftaten beraten. Die Anzahl bezieht sich auf alle Delikte und nicht explizit nur auf Fälle häuslicher Gewalt.

Zu Frage 3.:

Der Stadtverwaltung wurden bisher keine Probleme berichtet.

Das Portal "Braunschweig hilft" gibt eine Übersicht der Braunschweiger Anlaufstellen. Die meisten Beratungsstellen sind darüber hinaus über div. Medien, wie z. B. eigener Internetauftritt, Facebook, Onlineberatung, Instagram, Onlineauftritt Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung e.V., Niedersächsische Justizministerium oder Onlinedatenbank für Betroffene von Straftaten (ODABS) zu finden.

Die Gleichstellungsbeauftragte hat diese Anfrage zum Anlass genommen und den Runden Tisch Häusliche Gewalt (HG) gebeten, sich dieses Themas anzunehmen und eine Rückmeldung aus der Praxis zu einem möglichen Handlungsbedarf für Braunschweig zu geben:

Der Runde Tisch HG empfiehlt, das Thema in der Öffentlichkeit zu enttabuisieren und betroffene Männer zu ermutigen, die Beratungsangebote, die es bereits gibt, in Anspruch zu nehmen. Erst in einem zweiten Schritt wäre zu prüfen, ob und in welcher Form eine spezielle Beratungsstelle für Männer notwendig ist.

Die wichtigsten Gründe für die mangelnde Wahrnehmung von Männern in der Opferrolle sind Zuschreibungen und Geschlechterklischees (Mann=aktiv/überlegen, Frau =passiv/unterlegen). Diese verhindern, dass Männer sich als Opfer äußern oder ernst genommen und als Betroffene anerkannt werden.

Auch deshalb sieht der Runde Tisch einen wichtigen Ansatz in der präventiven Arbeit, die kontinuierlich über viele Jahre erfolgen muss, um diese tiefsitzenden Zuschreibungen zu durchbrechen. 

Der Runde Tisch HG bereitet zurzeit ein grundlegendes Projekt zur Prävention vor: Die Dauerausstellung "Rosenstraße 76". 

Das Projekt soll v.a. Häusliche Gewalt/Beziehungsgewalt, Gewalt in der häuslichen Pflege und die Betroffenheit von Kindern thematisieren.

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