Rat und Stadtbezirksräte
Stellungnahme - 21-17189-01
Grunddaten
- Betreff:
-
Darstellung der Kolonialgeschichte in Braunschweig
- Status:
- öffentlich (Vorlage freigegeben)
- Vorlageart:
- Stellungnahme
- Federführend:
- 41 Fachbereich Kultur und Wissenschaft
- Verantwortlich:
- Dr. Hesse
Beratungsfolge
| Status | Datum | Gremium | Beschluss | NA |
|---|---|---|---|---|
|
●
Erledigt
|
|
Rat der Stadt Braunschweig
|
zur Kenntnis
|
|
|
|
16.11.2021
|
Sachverhalt
Sachverhalt:
Zur Anfrage der BIBS-Fraktion vom 03.11.2021 (21-17189) wird wie folgt Stellung genommen:
In der Sitzung des Ausschusses für Kultur und Wissenschaft am 15. Oktober 2021 hat die Verwaltung ausführlich zu den Maßnahmen und Projekten im Zusammenhang mit dem Thema Kolonialismus in Braunschweig berichtet (Drs.21-16996). Unter Bezugnahme auf diese Darstellung werden an dieser Stelle nur die wesentlichen Aktivitäten noch einmal zusammenfassend skizziert:
Kolonialdenkmal an der Jasperallee und Sammlung des Städtischen Museums:
Die Stadt Braunschweig hat die weltweite Auseinandersetzung mit dem Thema „Kolonialismus und seine Spuren in Braunschweig“ im Jahr 2020 zum Anlass genommen, die historisch-wissenschaftliche Forschung zum Kolonialdenkmal an der Jasperallee erneut und intensivierend aufzunehmen (vgl. hierzu Drs. 20-13807-01 und Drs. 20-14349-01). Gleichzeitig werden die bereits seit längerem laufenden Forschungen zu den Objekten der Sammlung des Städtischen Museums mit kolonialer Provenienz fortgeschrieben (Stichwort: PAESE-Projekt; vgl. hierzu mündlicher Bericht am 6. März 2020 sowie Drs. 20-13807-01 zum 11. September 2020). Ziel der Arbeiten im Städtischen Museum wird die vollständige Neugestaltung der Ethnologischen Dauerausstellung sein.
Besuch der Ovambandero in Braunschweig:
Zum aktuellen Sachstand in Bezug auf kolonialgeschichtlich belastete Objekte der Sammlung des Städtischen Museums wird mitgeteilt, dass der Besuch der Delegation der Traditional Authority der Ovambandero (1. – 3. November 2021) zu einer konstruktiven und partnerschaftlichen Beratung insbesondere zu dem Thema des Patronengürtels des Kahimemua Nguvauva, Führer der Ovambandero Ende des 19.Jahrhunderts, geführt hat, wie auch den Medien zu entnehmen war. Im nächsten Schritt wird dem Rat der Stadt Braunschweig die nunmehr vorliegende Restitutionsforderung der Ovambanderu zur Entscheidung vorgelegt.
Künstlerischer Wettbewerb zum Kolonialdenkmal an der Jasperallee:
Hinsichtlich des Wettbewerbs zum Kolonialdenkmal und seiner wissenschaftlichen wie gesellschaftspolitischen Rezeption und Kontextualisierung sind jeweils die konstituierenden Sitzungen des wissenschaftlichen Beirates und des künstlerischen Kuratoriums im Oktober durchgeführt worden. Derzeit werden die Ausschreibungsunterlagen finalisiert, die Ausschreibung ist für das erste Quartal 2022 vorgesehen.
Wissenschaftliche Tagungen:
In Planung sind folgende Tagungen:
- Fachtag zu Fragen der künstlerischen Vermittlungsarbeit in Zusammenarbeit mit Mitgliedern des Kuratoriums des künstlerischen Wettbewerbs u. a. im Rahmen der Ausstellung der Wettbewerbsentwürfe, vsl. Herbst 2022.
- wissenschaftliches Symposium „Dimensionen der Kolonialgeschichte Braunschweigs“ (Arbeitstitel) in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat, vsl. 2023 im Städtischen Museum.
Die Gesamtthematik „Kolonialgeschichte“ wird von der Stadt Braunschweig vergleichbar dem Gedenkstättenkonzept als ein nachhaltiger und zeitlich unbefristeter Prozess verstanden.
Der 2014 eingerichtete Erinnerungsort Garnisonstadt Braunschweig hat die Aufgabe, an die Geschichte der Stadt als Garnisonsstadt seit der Unterwerfung durch die Braunschweiger Herzöge im Jahr 1671 zu erinnern. Kolonialgeschichtliche Themen werden hier nicht verhandelt.
Dies vorausgeschickt beantworte ich Ihre Fragen wie folgt:
Zu 1.:
Der erinnerungskulturelle Charakter des Ortes wird durch die dort befindliche Erläuterungstafel eindeutig bestimmt. Auf der Tafel wird zum einen ausgeführt, dass auch Braunschweiger Soldaten „in den Kolonialkriegen des Deutschen Kaiserreichs“ „missbraucht“ worden sind. Und zum anderen unmissverständlich deutlich gemacht, dass Militärangehörige, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren, von der Erinnerung ausdrücklich ausgenommen sind.
Eine Weiterung bzw. Neuformulierung des Tafeltextes vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse insbesondere zur Braunschweiger Kolonialgeschichte ist grundsätzlich immer möglich. Allerdings sollten, bevor darüber entschieden wird, zunächst die Ergebnisse der eingangs angesprochenen aktuellen kolonialgeschichtlichen Projekte abgewartet werden. Ob die dann möglicherweise neu gewonnenen Erkenntnisse auch Auswirkungen auf den Text der Erläuterungstafel haben werden, bleibt zunächst dahingestellt, da der „Erinnerungsort historische Garnisonsstadt Braunschweig“ am Möncheweg im Kontext der kolonialen Geschichte Braunschweigs nur von untergeordneter Bedeutung ist, zumal die sogenannte „Schutztruppe Deutsch-Südwest“ auf einem der 10 Steine in einer summarischen Aufstellung von preußischen Militäreinheiten ohne engeren Bezug zu Braunschweig genannt wird.
Solcherart sollte eine besondere Betonung des Kolonialismus am Erinnerungsort „Historische Garnisonsstadt Braunschweig“ nicht erfolgen, weil das Kolonialdenkmal an der Jasperallee Träger und Projektionsfläche der Kolonialgeschichte Braunschweigs ist und in Zukunft noch mehr werden wird. Es gilt zu vermeiden, dass das Kolonialdenkmal relativiert wird.
Zu 2.:
Die von der Stadtverwaltung im öffentlichen Raum präsentierten Texte zu Fragen der Erinnerungskultur werden stets von ausgewiesenen Fachleuten erstellt. Wo notwendig, ist die Einbeziehung von externen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geübte Praxis.
Zu 3.:
Diese Frage kann derzeit nicht beantwortet werden, da sie vom Fortschreiten der aktuellen Projekte zur Braunschweiger Kolonialgeschichte abhängt, über die der Rat bzw. der zuständige Fachausschuss fortlaufend informiert werden wird. Es wird auf die hierzu bereits gemachten Ausführungen verwiesen.
