Rat und Stadtbezirksräte

ALLRIS - Vorlage

Stellungnahme - 22-18331-01

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Sachverhalt

Sachverhalt:

 

Zur Anfrage der CDU-Fraktion im Rat der Stadt (Nr.22-18331) - Energiegewinnung aus

Abwasser vom 17.03.2022 nimmt die Verwaltung nach verwaltungsinterner Aufarbeitung und unter Berücksichtigung der Mitteilung der BS|Energy, der Stadtentwässerung Braunschweig (SE|BS) sowie des Abwasserverbandes Braunschweig (AVB) wie folgt Stellung:

 

 

Zu Frage 1:

  • Variante 1: Energiegewinnung aus Abwasser im Bereich der Kläranlage Steinhof

Das bereits bestehende „Braunschweiger Modell“ mit dem Kreislauf zwischen

Abwasseranfall, Abwasserreinigung, Wasserwiederverwendung, Energiepflanzenanbau,

Biogasanlage und der Biogasverwertung zu Strom und Wärme ist derzeit deutschlandweit

einmalig. Das Modell genießt somit bereits im derzeitigen Ausbauzustand bundesweit den Status als Vorzeigemodell für die nachhaltige Bewirtschaftung der Ressource Abwasser und eignet sich grundsätzlich zur nachhaltigen Gewinnung von Energie aus dem Braunschweiger Abwasser.

 

Die Gewinnung von Energie aus dem Braunschweiger Abwasser wird derzeit bereits verfolgt,

wie im Folgenden dargestellt wird.

 

Im Umfeld des Klärwerks Steinhof und auf dem Klärwerksgelände entstehen im Bereich der

Anlagennutzung an verschiedenen Orten Gase, die bereits zur energetischen Nutzung

herangezogen werden:

 

  • Faulgas-Nutzung aus Klärschlamm
  • Gas aus Vergärung von Bioabfällen
  • anfallendes Deponiegas

 

Zusätzlich wird Biogas durch die Biogasanlage Hillerse erzeugt. Dort wird aus dem

Energiepflanzenanbau (u.a. aus den Verregnungsflächen des AVB) nachhaltig Energie für

die Verstromung hergestellt. Diese Bezugsflächen werden mit geklärtem Abwasser aus der Kläranlage Steinhof bewässert und mithilfe des beigemischten Klärschlamms zeitgleich gedüngt.

 

Die anfallenden Gase werden in sog. Blockheizkraftwerken verwertet.

Die in einem Blockheizkraftwerk auf der Kläranlage entstehende elektrische Energie und die entstehende Wärme dienen der Versorgung technisch infrage kommender Abnehmer (u.a. ALBA, Kläranlage Steinhof, Liegenschaft und Wohneinheiten Steinhof) die sich auch im unmittelbaren Umfeld der Kläranlage Steinhof, befinden.

Die anfallenden Gase (aus der Biogasanlage Hillerse) werden zudem zu einem Blockheizkraftwerk in Braunschweig geleitet und dort zur Erzeugung elektrischer Energie und Wärmeenergie verwertet (u.a. für die energetische Versorgung für die PTB und auch Braunschweiger Haushalte)

Die Anbindung weiterer „rme Nutzer“re nur mit erheblichem Aufwand denkbar, so

dass unter Berücksichtigung der bisherigen Wirtschaftlichkeit keine Veranlassung zur weiteren rmeproduktion“ bestand.

 

  • Variante 2: Abwasser-Wärmetauscher im Kanalnetz

Zu Abwasserwärme-Nutzungsanlagen werden im Folgenden generelle Hinweise gegeben.

Die Etablierung von Abwasserwärme-Nutzungsanlagen ist nach derzeitigen technischen

Stand lediglich unter bestimmten Voraussetzungen wirtschaftlich möglich:

 

  • Zugänglichkeit des Kanals
  • ausreichend großer Durchmesser (min. DN 400, besser DN 1000 und größer) um

eine Behinderung des Abflusses zu vermeiden (sonst prozentual große Verringerung

des hydraulischen Durchmessers)

  • Mindestmaß an Trockenwetterabfluss (hohe Bebauungsdichte) nötig (min. 15 l/s)
  • verfügbare Flächen für notwendige Nebenanlagen, oberirdisch und unterirdisch
  • gewonnene Wärme vorwiegend bei Neubauten und sanierten Bestandsbauten zu

nutzen

 

Die in der Anfrage genannten Nutzungsbeispiele aus anderen Großstädten erfüllen die o.g.

Erforderlichkeiten weitestgehend wie im Folgenden dargestellt wird.

 

Bezogen auf den Standort Wien handelt es sich um eine theoretische Potenzialanalyse des

Geologischen Bundesamtes Österreichs unter Berücksichtigung großer bestehender Kanäle.

Die bereits in Betrieb befindliche Anlage ist an einen groß dimensionierten Freispiegelkanal

angeschlossen.

 

Bezogen auf den Standort Oldenburg handelt es sich beim Areal „Alter Stadthafen“ um ein

seit 2013 in Entwicklung befindliches Stadtumbaugebiet. Im Rahmen der Arealumnutzung

wurde 2015 eine Anlage zur Wärmerückgewinnung aus Abwasser etabliert. Maßgebend war

hier die räumliche Nähe des Gebiets zu einem großen Mischwasserkanal (DN 1500) sowie

die umfassende energetische Sanierung von Bestandsgebäuden und die Realisierung von

Niedrig-Energie-Neubauten.

 

Eine Pauschalaussage zur Nutzung der Wärmeenergie für die Stadt Braunschweig ist nicht zielführend. Grundsätzlich lässt sich zu den zur Anfrage genannten Städten mitteilen, dass Braunschweig im Gegensatz zu Wien und Oldenburg grundsätzlich andere

Ausgangsvoraussetzungen hat. Die für die Nutzung von kanalintegrierten

rmetauschern notwendigen Voraussetzungen (groß dimensionierte und zugängliche

Kanäle mit einem ausreichend großen Trockenwetterabfluss) liegen in der Regel nicht

flächendeckend vor.

 

Die im Rahmen aller größerer Sanierungs- und Neubaumaßnahmen stattgefundenen Potenzialabschätzungen, Überlegungen und Ansätze haben aufgrund der o.g. Voraussetzungen für Braunschweig bisher noch keine wirtschaftlichen Ansätze zur Abwasserwärmenutzung ergeben.

 

  • Variante 3: Weitere Techniken zur Energiegewinnung aus Abwasser

Der sinnvolle Ansatz auf dem Klärwerk mit Hilfe weiterer Technologien Energie zu gewinnen,

wie z.B. Power to Gas (= Energiegasproduktion aus Überschussstrom) und ORC-Prinzip

(Organic Rankine Cycle = Gasturbinenantrieb mit Überschusswärme), wird bereits langjährig

verfolgt und regelmäßig auf zukünftige Wirtschaftlichkeit überprüft.

 

Der AVB und die SE|BS haben sich bereits an diversen Forschungsvorhaben (z. B. u.a.

KEStro Kläranlagen als Energiepuffer für Stromnetze sowie POWERSTEP

Energiegewinnung aus Abwasser) beteiligt. Zudem steht die Stadt Braunschweig zu

potenziellen und alternativen Nutzungen im engen Kontakt und Austausch zur BS|ENERGY.

 

Bisher sind die theoretischen Vorstudien zwar vielversprechend, selbige konnten aber

aufgrund der technische bedingten Voraussetzungen und aufgrund des technischen Standes

in der Vergangenheit noch nicht zur Marktreife geführt werden.

 

Die Verwaltung ist grundsätzlich und weiterhin an einer energetischen Nutzung auf das Abwasser bezogen interessiert und schließt eine zukünftige Nutzung nicht aus. gliche Praxislösungen oder neue Ansätze werden regelmäßig geprüft und ggf. dann weiterverfolgt.

 

Zu Frage 2:

Die Weiterverfolgung der Umsetzung zusätzlicher rme-/Energiegewinnungstechnologien

ist, wie bereits oben beschrieben, von bestimmten Ausgangsvoraussetzungen geprägt.

Hiervon ist abhängig, ob ein technisch und wirtschaftlich sinnvoller Einsatz erfolgen kann.

 

Aufgrund der aktuellen Situation und den damit verbundenen „neuen“ wirtschaftlichen Aspekten prüft die BS|ENERGY im Rahmen einer Machbarkeitsstudie erneut die umfangreiche Nutzung von Abwärme aus Abwasserkanälen zur Wärmeerzeugung von

Fern-/Nahwärme in einem noch festzulegenden Bereich des Braunschweiger Stadtgebiets. Die Erkenntnisse aus der Studie werden dann auch in weiteren Stadtteilen mit Inselnetzen berücksichtigt werden.

 

Eine etwaige Umsetzung bedarf dann einer entsprechenden Finanzierung, Planung und der dann folgenden Bauzeit. Der dafür zu veranschlagende Zeitraum beträgt erfahrungsgemäß mehrere Jahre. Eine frühestmögliche Realisierung zukünftiger Anlagen kann aus Sicht von BS|ENERGY nicht vor dem Jahr 2026 angenommen werden.

 

Die Verwaltung und alle weiteren beteiligten Akteure bestreben somit stets die regelmäßige

Überprüfung möglicher Praxislösungen und neuer technischer Ansätze, um den Anteil

erneuerbarer Energien an der Energieversorgung der Stadt Braunschweig zu erhöhen.

 

Zu Frage 3:

Zum Thema Gasknappheit liegen der Verwaltung keine belastbaren Informationen vor. Aus

der aktuellen Presseberichterstattung z. B. der FAZ wird inhaltlich mitgeteilt, das nicht mit „kalten Wohnungen in Deutschland“ zu rechnen ist. Allerdings könnten die Preise steigen. Unter bestimmten Bedingungennnte die deutsche Gasversorgung in den kommenden Tagen und Wochen einen Ausfall aller russischen Gasimporte überstehen. Bedingung sei, dass die Temperaturen weiterhin mild blieben und ausreichend Flüssig-Erdgas (LNG) für den EU-Binnenmarkt verfügbar sei. Da eine solche Situation in der Vergangenheit bislang noch nicht aufgetreten ist, bleibt allerdings eine gewisse Unsicherheit bestehen. (https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mehrwirtschaft/

russische-gas-importe-wie-gas-knappheit-ausgehalten-werden-kann-

17826214.html

 

Konkrete Auswirkungen einer vielleicht entstehenden Gasknappheit erwartet die Verwaltung

auf die Maßnahmen des Klimaschutzkonzeptes jedoch nicht. Im Gegenteil - durch die

nunmehr bewusste Abkehr der Abhängigkeit vom russischen Erdgas und der aktuellen

Bemühungen der Bundesregierung in Sachen grünem Wasserstoff ist damit zu rechnen,

dass sich die generelle Übergangszeit der Erdgasnutzung als Brückentechnologie verkürzen

wird.

 

Die BS|ENERGY hatte zudem mitgeteilt, dass Sie im Rahmen einer Machbarkeitsstudie weitere Möglichkeiten zur CO2 neutralen rmeversorgung prüfen -und die optimale Auslegung in die Umsetzung bringen wird. Dazu nnen neben der Nutzung von Abwärme aus Abwasser und Geothermie auch Solarthermie gehören sowie die Nutzung von rein auf Biogas betriebenen BHKWs. Ebenso ist der Einsatz von Wasserstoff zu prüfen.

 

Die Verwaltung steht im regelmäßigen Austausch mit BS|ENERGY um den Umstieg auf eine

klimaneutrale Fernwärme bestmöglich zu unterstützen. Angesichts der Entwicklung von

Energiepreisen, ist eine zukünftige wirtschaftliche Neubewertung von Maßnahmen nicht

ausgeschlossen.

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