Rat und Stadtbezirksräte
Mitteilung - 22-19282
Grunddaten
- Betreff:
-
Sachstand zur Situation der ukrainischen Geflüchteten in der Betreuung des Jobcenter Braunschweig
- Status:
- öffentlich (Vorlage freigegeben)
- Vorlageart:
- Mitteilung
- Federführend:
- 50 Fachbereich Soziales und Gesundheit
- Verantwortlich:
- Dr. Arbogast
Beratungsfolge
| Status | Datum | Gremium | Beschluss | NA |
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●
Erledigt
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Ausschuss für Soziales und Gesundheit
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zur Kenntnis
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01.09.2022
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Sachverhalt
Sachverhalt:
Zum 01.06.2022 erfolgte die Überführung der ukrainischen Geflüchteten in das SGB II und damit in die Zuständigkeit der Jobcenter.
Mit Stichtag 01.08.2022 wurden insgesamt Anträge von 1.185 Bedarfsgemeinschaften erfasst und somit 2.302 Personen in die Programme des Jobcenters aufgenommen. Hiervon wurden bisher 1.048 Anträge entschieden, was einer Erledigungsquote von 88,4 % entspricht. In 84,5 % der Fälle liegen Bankverbindungen vor.
Derzeit sprechen täglich ca. 80 bis 90 Ukrainerinnen und Ukrainer persönlich vor. Weiterhin erfolgen zurzeit rund 5 bis 10 Neuantragstellungen von Ukrainerinnen und Ukrainern täglich.
Da ukrainische Kundinnen und Kunden im Regelfall zusammen mit Kindern, Dolmetschern, Bekannten oder anderen Personen im Jobcenter erscheinen, ist die Zahl der Personen, die jeden Tag im freien Zugang ins Jobcenter kommen, um ein Vielfaches höher. Hinzu kommen die weiteren Kundinnen und Kunden des Jobcenters.
Bei der Zusammensetzung der Bedarfsgemeinschaften ist auffällig, dass rd. 36 % der ukrainischen Geflüchteten Kinder und Jugendliche im Alter bis 17 Jahren sind.
Bei der Altersstruktur ist ein hoher Anteil an weiblichen Personen zu verzeichnen.
Mit Stand 01.08.2022 befanden sich insgesamt 2302 ukrainische Personen im Alter von 0 - 65 Jahren in den Systemen des Jobcenters Braunschweig, davon 68 % = 1.555 Frauen und 32 % = 747 Männer.
0 bis 5 Jahre 221 Personen davon 47 % = 104 Frauen 53 % = 117 Männer
6 bis 17 Jahre 610 Personen davon 54 % = 327 Frauen 46 % = 283 Männer
18 bis 24 Jahre 223 Personen davon 73 % = 163 Frauen 27 % = 60 Männer
25 bis 65 Jahre 1.248 Personen davon 77 % = 961 Frauen 23 % = 287 Männer.
Nachdem es dem Bereich Leistungsgewährung durch großes Engagement gelungen ist, die
finanzielle Absicherung zu gewährleisten, ist als zweiter Schritt die Beratung und Vermittlungsarbeit in den Arbeitsmarkt im Fokus.
Die ukrainischen Geflüchteten werden seit dem 01.06.2022 nach Bewilligung der finanziellen Leistungen mit einem „Willkommens-Schreiben“ angeschrieben. Beigefügt ist ein Fragebogen, in dem dezidiert abgefragt wird, welche Schul- und Berufsabschlüsse, Qualifikationen und Kenntnisse (auch Sprache!), Interessen, bisherige Tätigkeiten, PKW, Führerschein etc. vorliegen. Beides wird in deutscher und ukrainischer Sprache zugeschickt mit der Bitte um Rücksendung des Fragebogens. Die Informationen aus dem Bogen bilden die Grundlage für die weitere Beratungs- und Vermittlungsarbeit, die in persönlichen Gesprächen erfolgt. Im Zuge dessen werden die Berufsfelder, Kenntnisse und Fähigkeiten erfasst und Handlungsstrategien erarbeitet. Dieser Prozess wird stetig durch Kundenstruktur-analysen begleitet und ausgewertet.
Die bisher vorliegenden Daten zeichnen folgendes Bild:
- bisher wurden 1.283 Personen im Bereich Markt und Integration erfasst (Stand 09.08.2022).
- Hiervon sind ca. 77% Frauen.
- 239 Kundinnen sind alleinerziehend.
- 102 Kundinnen und Kunden befinden sich in Schule, Ausbildung oder Studium oder sind noch auf der Suche nach einem entsprechenden freien Platz.
- 1.099 Kundinnen und Kunden haben, Stand heute, keine Betreuungspflichten und stehen Arbeitsmarktangeboten grundsätzlich zur Verfügung.
Die Datenlage unterliegt naturgemäß einer ständigen Veränderung. Kundinnen und Kunden kommen dazu, ziehen innerhalb Deutschlands um oder gehen zurück in die Heimat. Belastbare Zahlen dazu gibt es noch nicht.
Durch das Jugendteam des Jobcenter wurden alle unter 18-jährigen voraussichtlich schulpflichtigen Personen bilingual angeschrieben und erhielten den Hinweis auf die Schulbildungsberatung der Stadt Braunschweig (auch per QR Code).
In Absprache mit den regionalen und teilweise überregionalen Bildungsanbietern wird ein umfangreiches Maßnahmeportfolio angeboten. Vorhandene Bildungsmaßnahmen konnten sofort genutzt werden, neue Angebote wurden über das regionale Einkaufszentrum Hannover vom Jobcenter beschafft.
Die Angebote für den Personenkreis reichen somit von Coachingangeboten in Präsenz, Online oder per Telefon in der Muttersprache bis hin zu qualifizierenden und integrativen Angeboten. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Personenkreis der Frauen.
Neben den individuellen Beratungsgesprächen lädt das Jobcenter Braunschweig zu Gruppeninformationen ein. Hier geht es um die Vorstellung der o.g. Maßnahmen. Ein niedrigschwelliger Zugang ist möglich. Pro Woche werden fünf Veranstaltungen mit jeweils 20 Teilnehmenden durchgeführt. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Die Angebote werden angenommen.
Parallel dazu wird die Netzwerkarbeit ausgebaut. Informationsveranstaltungen und Beratungen zu verschiedensten Themen werden „vor Ort“ durchgeführt: Mehrgenerationen-haus (jeden 1.Montag im Monat), Haus der Kulturen, DRK Kaufbar.
Durch die Geschäftsführung wurden regionale Player (AGV, Sozialverbände und Kammern) angeschrieben und auf Unterstützungsmöglichkeiten bei der Integration des Personen-kreises durch den Arbeitgeber Service der Agentur Braunschweig-Goslar und das Jobcenter Braunschweig hingewiesen.
Die Qualifikationen der ukrainischen Geflüchteten spreizen sich vom Helferbereich bis zu akademischen Berufen. Daraus leiten sich unterschiedliche Bedarfe im Spracherwerb und Anerkennung von Bildungsabschlüssen ab.
Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der Anerkennungsberatung der Volkshochschule. Die Wartezeiten auf einen Termin dort haben sich erhöht. Auch hier sind teilweise die fehlenden Deutschkenntnisse und fehlende Nachweise der Qualifikationen ein Problem. Zudem müssen die Unterlagen übersetzt sein. Für eine persönliche Beratung werden Sprachkenntnisse auf dem Niveau A2 (Abschluss) oder Beginn B1 benötigt. Dieses Sprachniveau haben die ukrainischen Geflüchteten natürlich selten.
Die Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlingen (BAMF) und anderen Sprachkursanbietern ist gut. Es finden regelmäßige Austausche statt.
Aufgrund der hohen Nachfrage kommt es teilweise zu Wartezeiten. Grund dafür ist, dass Kurse nicht eingerichtet werden können, weil viel zu wenig Lehrpersonal zur Verfügung steht. Der Fachkräftemangel drückt sich also auch hier massiv aus. Das BAMF senkt die Anforderungen an das Lehrpersonal nicht, da die Qualitätsstandards gehalten werden sollen. Es wurden die Honorare erhöht und ca. 16.000 ehemalige Lehrkräfte angeschrieben, um den Bedarf zu decken.
Die Vermittlung in Arbeit ist sehr individuell. Viele ukrainische Geflüchtete sind eher zurückhaltend und hoffen auf eine baldige Rückkehr in die Heimat.
Je nach Berufszweig sind fehlende Deutschkenntnisse ein Problem oder auch nicht. In gehobenen akademischen Berufen finden Geflüchtete mit guten Englischkenntnissen Beschäftigungsmöglichkeiten (Universität, Forschung, Wissenschaft). Ukrainische und auch russische Unternehmen stellen ein sowie Betriebe im Helferbereich (Bau, Garten- und Landschaftsbau, Raumpflege).
Die Netzwerke der ukrainischen Community funktionieren gut.
Arbeitsaufnahmen in Berufen mit Kommunikationsanteilen sind eher selten.
Durch den hohen Frauenanteil stehen natürlich die Kinderbetreuung in Kita und der Schulbesuch im Fokus. Bisher konnten in Braunschweig gute Lösungen gefunden werden. Die Kommunikation zwischen Jobcenter und dem Fachbereich 51 der Stadt Braunschweig ist gut und zielführend.
