Rat und Stadtbezirksräte

ALLRIS - Vorlage

Anfrage (öffentlich) - 22-19903

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Sachverhalt

Sachverhalt:

Nach der Rodung von über 41.000 Bäumen im Zuge der Flughafenerweiterung Braunschweig-Wolfsburg im Jahr wurden im Planfeststellungsbescheid umfangreiche Ersatzpflanzungen als Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen. Bereits 2019 wurde festgestellt, dass die Nachpflanzungen nicht den vorher festgelegten Zielen entsprachen, was vor allem auf die mangelnde Pflege der neuen Setzlinge zurückzuführen war.  

Auf eine Nachfrage im Stadtbezirksrat 112 zum Fortschritt der Kompensationsmaßnahmen antwortete die Verwaltung, dass im Frühjahr 2020 weitere Pflanzungen vorgenommen wurden. Diese Nachpflanzungen sowie vorher gepflanzte Ausgleichssetzlinge wurden jedoch durch Mäuse beschädigt und sind auch weiterhin durch die Nagetiere gefährdet. Um die Pflanzen zu schützen, setzte die Verwaltung daraufhin auf den Wirtschaftswaldflächen in Bevenrode Mäusegift ein (DS. 22-19005-01).

Aus dem Audioprotokoll des Planungs- und Umweltausschusses vom 04.09.2019 ist zu vernehmen, dass es sich bei dem verwendeten Mäusegift um das Präparat „Ratron“ handelt. Das Rodentizid Ratron besteht aus Weizenkörnern, die mit dem Giftstoff Brodifacoum versetzt sind. Dieser Wirkstoff sorgt bei Aufnahme durch die Mäuse für eine Hemmung der Blutgerinnung, sodass die Maus nach Aufnahme erst nach einer gewissen Zeit (3 – 7 Tage) verendet. Die Tiere sollen so die Giftwirkung nicht mit der Aufnahme des Köders in Verbindung bringen und eine Köderscheu entwickeln.1

Neben dem Umstand, dass die Mäuse über Tage qualvoll verenden, bergen die blutgerinnungshemmenden Wirkstoffe wie Brodifacoum, auch als Antikoagulanzien bekannt, eine Vielzahl an Risiken. So ist die Gefahr groß, dass auch andere Tiere vergiftet werden, weil sie entweder das Gift direkt fressen (Primärvergiftung) oder die vergifteten Nager fressen (Sekundärvergiftung). Vor allem Raubvögel und räuberische Säugetiere wie Wiesel, Iltisse oder Füchse sind davon betroffen. Zudem gelten alle Antikoagulanzien neben ihrer toxischen Wirkung als persistent und bioakkumulierend. Das heißt, dass sie sehr schlecht von der Umwelt abgebaut werden können und sich in den Organismen und deshalb auch in den Nahrungsketten anreichern. Besonders beim Stoff Brodifacoum belegen Studien ein sehr hohes Risikoverhältnis für Primär- und Sekundärvergiftungen anderer Tierarten.2 Daher sollte der Einsatz eines Biozids wie Brodifacoum nur erfolgen, „wenn zuvor alle denk­baren Maßnahmen getroffen wurden, den Nagetier­befall einzudämmen und es keine Alternative zum Biozid-Einsatz gibt.“ 3

So zeigte eine vom Julius Kühn-Institut durchgeführte Studie, dass vor allem Kleinsäugerarten, die eigentlich nicht bekämpft werden sollten und teilweise sogar als besonders geschützt gelten, in großem Maße Antikoagulanzien im Organismus aufwiesen. Auch bei größeren Lebewesen konnten die blutgerinnungshemmenden Wirkstoffe zahlreich festgestellt werden, so fand man in über 60 % von 265 untersuchten Füchsen Rückstände von Antikoagulanzien in der Leber.4 In einer Probe von Eulen- und Greifvogel-Totfunden zeigten sich immerhin in 31,7 % Rückstände der Antikoagulanzien.5 Oftmals ist schwer nachzuweisen, dass die Rückstände des Mäusegifts in direktem Zusammenhang mit dem Tod der untersuchten Tiere stehen. In einigen Fällen ist jedoch im Angesicht der aufgefundenen Konzentrationen in den Proben als sicher anzunehmen, dass die Tiere in Folge der Aufnahme von Antikoagulanzien verendet sind.6 Im Planungs- und Umweltausschuss vom 04.09.2019 berichtete der Forstsachverständige Herr Pohler jedoch auf die Nachfrage eines Ausschussmitglieds, dass das Mäusegift keine Gefahr für Greifvögel darstelle.  

1)    Wie viele Setzlinge wurden tatsächlich durch Mäuse geschädigt?

2)    Wie wird sichergestellt, dass das Mäusegift nicht von anderen Tieren aufgenommen wird und diese dadurch Primär- und Sekundärvergiftungen erleiden?

3)    Welche Maßnahmen wurden vorab durchgeführt, um den Einsatz eines persistenten, bioakkumulierenden und toxischen Biozids zu vermeiden?

 

1 Vgl. https://www.umweltbundesamt.de/service/uba-fragen/welche-antikoagulanzien-werden-derzeit-fuer-die

2 Vgl. Umwelt Bundesamt (2018): Nagetierbekämpfung mit Antikoagulanzien, in: Hintergrund // September 2018, S. 19ff..

3 ebd., S.22.

4 Vgl. Julius Kühn-Institut (2018): Rückstände von als Rodentizid ausgebrachten Antikoagulanzien in wildlebenden Biota, S. 14f.

5 Vgl. ebd., S.37.
 

6 Vgl.Umwelt Bundesamt (2018): Nagetierbekämpfung mit Antikoagulanzien, in: Hintergrund // September 2018, S.22. 

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