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Mitteilung - 23-21713

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Sachverhalt

Sachverhalt:

 

Der Wandteppich von Karl Wollermann in der Großen Dornse des Altstadtrathauses der „guten Stube der Stadt“ - bildet eine visuelle Kulisse r eine Vielzahl bedeutender Veranstaltungen der Stadtverwaltung und Stadtgesellschaft. Wegen der NS-Vergangenheit des Künstlers Karl Wollermann ist es gerade vor diesem Hintergrund geboten, den zukünftigen Umgang mit dem Wandteppich abwägend zu überdenken.

 

Historische Kontextualisierung

a) Motivik und Entstehungsgeschichte des Teppichs

Der Wandteppich von Karl Wollermann (1904-1993), mit den Maßen 4 m x 8 m aus dem Jahr 1959, zeigt in stilisiert-abstrahierter Form Architekturen, die das Stadtbild Braunschweigs prägen. Dabei ergibt die Zusammenschau der Farbflächen im Zentrum des Teppichs den Kopf eines Löwen, das Wappentier der Stadt Braunschweig. Der Teppich wurde 1959 in der Nürnberger Gobelin Manufaktur GmbH (NGM) hergestellt. 

Den Auftrag, einen Wandteppich für die Große Dornse im Altstadtrathaus zu schaffen, erteilte der Auftragsvergabeausschuss der Stadt Braunschweig Karl Wollermann am 17.02.1959 im Rahmen eines Wettbewerbs. Neben „technischen und künstlerischen“ Aspekten wurden akustische Gründe für die Anbringung eines Gobelins angeführt (s. Stadtarchiv Braunschweig, E 314, Protokoll der Sitzung des Auftragsvergabeausschusses am 03.03.1959, S. 7). Anfang 1960 wurde die Große Dornse - geschmückt durch den Wandteppich - nach kriegsbedingten Sanierungsarbeiten feierlich wiedereröffnet. Karl Wollermann war zu dieser Zeit Leiter der Braunschweiger Werkkunstschule (der Vorgänger der heutigen Hochschule für Bildende Künste/HBK Braunschweig). Auf diese Position war Wollermann 1951 berufen worden, obwohl er ein exponierter Vertreter der nationalsozialistischen Kulturpolitik gewesen war.

 

b) Karl Wollermanns Verstrickung in die NS-Kulturpolitik

Wollermann war seit 1937 Mitglied der NSDAP. Er machte schnell Karriere. Von 1934 bis 1939 war er Architekt bei der Bauverwaltung eines Luftkreiskommandos in München. 1939 wurde er stellvertretender Leiter der Staatsschule für Angewandte Kunst in Nürnberg, die 1940 zur „Akademie der bildenden Künste in der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg“ wurde. Diese Institution wurde von Adolf Hitler hinsichtlich ihrer Befugnisse persönlich unterstützt. Die Akademie stand für eine Kunst, die im Gegensatz zur diffamierten "entarteten" Kunst dem Kulturprogramm der Nazis vollkommen entsprach. Wollermann hatte als Aufsichtsratsmitglied auch eine führende Rolle in der Nürnberger Gobelin Manufaktur GmbH (NGM) inne. Die NGM produzierte während der Zeit des Nationalsozialismus zum Beispiel Gobelins für das Reichsparteitagsgelände oder das Kasino der SS-Kaserne in rnberg. Im Mai 1941 erfolgte durch den Präsidenten der Reichskulturkammer Wollermanns Berufung zum ehrenamtlichen Landesleiter der Reichskammer der bildenden Kunst Gau Franken (vgl. Pascal Metzger: Die Nürnberger Kunstschule im Nationalsozialismus - Eine Akademie für die Stadt der Reichsparteitage. In: Geartete Kunst. Die Nürnberger Akademie im Nationalsozialismus. Ausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Museen der Stadt Nürnberg, Nürnberg 2012, S. 87, zit. nach Friedrich Walz: Zwei Wandteppiche in Braunschweigs guten Stuben Teil 2: Kritische Fragen, Online-Publikation des Braunschweigischen Geschichtsvereins, https://histbrun.hypotheses.org/3213). Als „Landesleiter“ sorgte Wollermann dafür, dass Kunstausstellungen in seinem „Gau“ den Maximen des „hrers“ genügten. Zudem kontrollierte er die mit Berufsverbot belegten „entartetennstlerinnen und Künstler in ihren Ateliers (s. Jürgen Weber: Das Narrenschiff, Kunst ohne Kompass. München 1994, S. 20, zit. nach Friedrich Walz, op. cit, Teil 3: Versäumnisse?). 1942 schließlich begutachtete Landesleiter“ Wollermann von deportierten Jüdinnen und Juden geraubte Kunstgegenstände auf ihre museale Verwertung hin (s. ebd.). Wollermann war also an der Beraubung von verfolgten Jüdinnen und Juden mittelbar beteiligt.

Nach dem Krieg wurde Wollermann als „Belasteter“ von allen seinen Aufgaben entbunden. Die Hälfte seines Vermögens wurde eingezogen, er wurde zu einer eineinhalbjährigen Haft in einem von den Alliierten geführten Arbeitslager verurteilt. 1949 wurde er in einem nunmehr deutschen Spruchkammerverfahren als bloßer Mitläufer rehabilitiert. Kurze Zeit später wurde er Leiter der Werkkunstschule in Braunschweig (s. Jürgen Weber, op. cit., S. 21).

 

Derzeitiger Umgang mit dem Teppich:

Seit Juni 2023 befindet sich neben dem Teppich ein Aufsteller mit einem erläuternden Text, der u. a. die oben stehenden Informationen versammelt. Auf diese Weise soll einer unreflektierten Wahrnehmung des Teppichs entgegengewirkt werden.

 

Planungen für den zukünftigen Umgang mit dem Wandteppich des Karl Wollermann

Das an prominentem Ort öffentlich präsentierte Objekt wirft Fragen auf. Was bedeutet der belastete Lebenslauf des Künstlers für den 1959 entstandenen Teppich? Ist es legitim, das Objekt nur als Kunstwerk zu sehen, als reines Ausdrucksmittel der 1950er Jahre? Oder muss bei der Beurteilung des Objekts zwingend die Biographie eines NS-Künstlers herangezogen werden - eines hochrangigen Funktionärs, der ein williger Vollstrecker von Hitlers Kunstdoktrin war und geraubtes Gut deportierter dinnen und Juden verwertete, während die Opfer in Vernichtungslagern ermordet wurden?

Um diese Fragen aus Expertensicht beleuchten zu können, plant das Städtische Museum r das Frühjahr 2024 ein Symposium zur Rezeption von NS-Künstlern in der Nachkriegszeit. Der Titel des Symposiums lautet:

 

Still gestanden?

Die Rezeption von NS-Kunst in der Nachkriegszeit

 

Dieses Symposium ist dem gesellschaftspolitischen Ziel verpflichtet, über das kulturelle Erbe der NS-Diktatur und dessen vielfach unreflektierte Rezeption in der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart aufzuklären. In den letzten Jahren wurden und werden ideologische Grundzüge des mörderischen NS-Regimes „kleingeredet“ oder relativiert. Gerade vor diesem Hintergrund ist das aufklärerische Ziel des Symposiums zu verstehen.

 

Das Symposium wird auch lokale Bezüge aufgreifen. Vorgestellt werden das Schaffen und die Rezeption von Nazi-nstlern, die in Braunschweig arbeiteten. Andererseits werden Aspekte der Rezeption von NS-Kunst analysiert, die generell die Kulturszene der Bundesrepublik betrafen oder betreffen. Themen sind u. a.:

- Rezeption von Künstlern des III. Reichs in der Nachkriegszeit, u.a. Karl Wollermann,

  Arno Breker, Walther Hoeck

- Rezeption von NS-Architektur in der Nachkriegszeit

- Rezeption und Adaption der NS-Kunstkritik in der Bundesrepublik

 

Nach den Fachvorträgen soll in einer abschließenden öffentlichen Podiumsdiskussion u.a. die Frage erörtert werden, wie mit dem Wandteppich von Karl Wollermann nach Abwägung fachlich begründeter Argumente umzugehen ist.

 

Das Symposium wird inhaltlich und organisatorisch betreut von Prof. Dr. Andreas Bee, vormals HBK Braunschweig, und Dr. Peter Joch, Direktor des Städtischen Museums Braunschweig. Als Referentinnen und Referenten angefragt werden einschlägige Expertinnen und Experten aus dem universitären und journalistischen Umfeld.


 

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