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Sachverhalt

Sachverhalt:

Ab den 50er Jahren bis in die 90er hinein wurden zahlreiche Kinder in sogenannte Verschickungsheime verbracht, um dort Kinderkuren zu absolvieren. Heutzutage sind Kuraufenthalte meist positiv konnotiert, fördern sie doch Gesundheit und Rehabilitation und ermöglichen es den Patient*innen fern ab vom Alltagsstress wieder gesund zu werden. Damals stellten diese Kuren für viele Kinder und Jugendliche jedoch leider das komplette Gegenteil dar.

So war der Aufenthalt in diesen Verschickungsheimen oft geprägt von körperlicher und physischer Gewalt, emotionaler Vernachlässigung, demütigenden Strafen oder Essenszwang, bei welchem Kinder teilweise sogar ihr Erbrochenes essen mussten. 1 Viele Jahre später beginnt nun langsam eine Aufarbeitung der Geschehnisse in den Kinderkuren und Heilstätten. Denn zahllose Betroffene leiden bis heute unter den Misshandlungen, die ihnen in der Kindheit angetan wurden.

Unter anderem wurde vor einigen Jahren ein Runder Tisch der Bundesregierung gegründet, um die Zustände in den Heimen aufzuarbeiten. In einem Zwischenbericht wird dort festgehalten: „[…] körperliche Gewalt gehörte ebenfalls zum Alltag vieler Heime, allerdings auch zur Alltagspraxis vieler Schulen und Familien. Zu offiziell akzeptierten Züchtigungsformen gehörten Schläge mit der flachen Hand [...].“ 2

„Züchtigung“ wurde erst im Jahr 1974 im Bereich der Schule gesetzlich verboten und das absolute Gewaltverbot in der Kindererziehung wurde sogar erst 1989 erlassen. Gewalt gegen Kinder war damit bis 1989 nicht grundsätzlich verboten und gesellschaftlich oft akzeptiert, trotzdem ging die Gewalt gegen Kinder in einigen Niedersächsischen Kurbetrieben selbst über das damals gesellschaftlich gebilligte Maß hinaus. 3

Die Diakonie Niedersachsen hat im Jahr 2021 eine wissenschaftliche Untersuchung von bestehenden institutionellen Akten einiger niedersächsischer Kurheime in Auftrag gegeben, die damals der Vorgängerorganisation der heutigen Diakonie angehörten.

Die Missstände und Misshandlungen der jungen Patient*innen in den Verschickungsheimen lassen sich laut der Studie insbesondere auf folgende wiederkehrende Probleme zurückführen: Die Heime waren insbesondere in den 50er und 60er-Jahren stark überbelegt. Dazu kam ab den 60er Jahre ein Mangel an Fach- und Hilfspersonal, sodass keine kindgerechte und fachlich kompetente Versorgung und Betreuung stattfinden konnte. Zudem wiesen viele der Kurheime bauliche, hygienische und sanitäre Mängel auf. 4

Der Bericht merkt darüber hinaus an, dass weitere Aufarbeitung notwendig ist, um auch die pädagogischen und medizinischen Missstände aufzudecken und mehr Einblick in die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Niedersächsischen Verschickungsheime zu erhalten. 5 Neben Faktoren wie Personalmangel und Überbelegung rückt die aktuelle Forschung als weitere Ursache der Gewalt auch die oftmalige NS-Sozialisation des Heimpersonals und der Ärzt*innen in den Fokus. 6

Eine besondere Rolle im System der Kinderkurheime spielte der Arzt und damalige Direktor der Kinderheilstätte Bad Dürrheim, Hans Kleinschmidt. In einem Weiterbildungsfachbuch empfiehlt er ausdrücklich körperliche und seelische Misshandlung. Auch in Niedersächsischen Heilstätten bot er erwiesenermaßen Schulungen für das Personal an und gab dort seine schrecklichen Praktiken weiter. 7 Auch in diesem Fall ist eine Nazivergangenheit belegt: so war Dr. Kleinschmidt in der NS-Zeit an einem Euthanasiemord an einem kleinen Jungen beteiligt. 8

Neben Vernachlässigung und Misshandlung fanden in verschiedenen Kinderkurheimen auch Medikamentenversuche statt. Akten belegen unter anderem die Erprobung eines zugelassenen Medikaments gegen Tuberkulose in einer Kurstätte in NRW. Weitere Untersuchungen zeigen, dass dieser Arzneimittelversuch kein Einzelfall darstellt und ähnliche Praktiken in vielen Verschickungsheimen in Deutschland durchgeführt wurden - In einigen Fällen sogar mit tödlichem Ausgang für die Kinder. 9 So wurden in der Heilstätte Trillkegut der Landesversicherungsanstalt Braunschweig 9 Todesfälle dokumentiert, nachdem von 1947 bis 1951 ein radiumhaltiges Medikament an den Kindern getestet wurde. 10

Auch wurden die Kinder oftmals „sozialer Medikation“ ausgesetzt. Ohne medizinischen Grund und rein zum Vorteil der Institutionen wurden den Kindern Arzneien verabreicht, um sie ruhig zu stellen und besser handhabbar zu machen. Eine Form der medikamentösen Gewalt mit teilweise langfristigen Nebenwirkungen und schrecklichen seelischen und physischen Folgen für die Kinder. 11

Um das tatsächliche Ausmaß der Gewalt an den Kindern und die Motivlagen und Entscheidungsspielräume der maßgeblichen Akteure und damit die Verantwortlichkeiten wirklich erfassen zu können, halten zahlreiche Wissenschaftler*innen weitere empirische Fallstudien für zwingend notwendig. Dafür müssen die Akteure des Systems der Verschickung zusammenarbeiten und die Aufarbeitung unterstützen - dazu zählen neben Wohlfahrtverbänden, Krankenkassen, sozialen Trägern auch Jugendämter, Gesundheitsämter und Kommunen.

Auch in Braunschweig wurden in einer Spanne von 40 Jahren viele Kinder durch ansässige Ärzt*innen, das Gesundheitsamt und anderen Instanzen in entsprechende Kurorte versendet. Daher ist auch unsere Kommune in der Verantwortung zur Aufarbeitung beizutragen und Betroffene dabei zu unterstützen, Einsicht in alle verfügbaren Akten zu nehmen.

Daher fragen wir:  

1. Wie viele Braunschweiger Kinder und Jugendliche sind von 1950 bis in die 90er Jahre durch ansässige Ärzt*innen und das Gesundheitsamt in die Kinderkurheime und Heilstätten entsendet worden?

2. Wie hilft die Stadt Braunschweig mit, die Aufarbeitung der Verschickung von Braunschweiger Kindern und den in den Kurheimen geschehen Misshandlungen voranzubringen?

3. Welche Erkenntnisse konnten durch die bisherige Aufarbeitung der Verschickungen von Braunschweiger Kindern hinsichtlich der Verantwortlichen, der Rolle der beteiligten Institutionen und weiterer Faktoren gewonnen werden?

1 vgl. Dokumentations- und Forschungsstelle der Sozialversicherungsträger (2022): Verschickungskinder in Nordrhein-Westfalen nach 1945 Organisation, quantitative Befunde und Forschungsfragen, S.41.
2 Schlözel-Klamp, Marita/ Köhler-Saretzki, Thomas (2010): Das blinde Auge des Staates. Die Heimkampagne von 1969 und die Forderungen der ehemaligen Heimkinder, S. 37.
3 vgl. Dr. Schweig, Nicole/ Kleinschmidt, Stefan (2021): Geschichtswissenschaftliche Dokumentationen. Adolfinenheim Borkum 1946 bis 1996, Helenkinderheim Bad Pyrmont 1945 bis 1992, Seehospiz Norderney, Marienheim Norderney, Flinthörnhaus Langeoog, Kinderheimat Bad Harzburg 1945 bis ca. 1980, Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen, S. 147.
4 vgl ebd.  S.1f.
5 vgl. ebd.
6 vgl. Dokumentations- und Forschungsstelle der Sozialversicherungsträger (2022): Verschickungskinder in Nordrhein-Westfalen nach 1945 Organisation, quantitative Befunde und Forschungsfragen, S. 41f.
7 vgl. Röhl, Anja (2022): Kindererholungsheime als Forschungsgegenstand. Erwachsene Zeitzeug*innenschaft am Beispiel eines Beschwerdebriefes im Adolfinenheim auf Borkum, in: Sozial Geschichte Online 31, https://sozialgeschichteonline.files.wordpress.com/2022/04/rocc88hl_verschickungskinder_vorverocc88ffentlichung.pdf, S. 4 [entnommen am 16.06.23].
8 vgl. Lorenz, Hilke (10.12.21): Ein Nazi-Arzt im Kindersolbad, in: Stuttgarter Zeitung Online, https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.der-chefarzt-hans-kleinschmidt-ein-moerder-im-kindersolbad.91cf4780-a82d-4404-b484-919b2ef0be5e.html [entnommen am 16.06.23]
9 vgl. Dokumentations- und Forschungsstelle der Sozialversicherungsträger (2022): Verschickungskinder in Nordrhein-Westfalen nach 1945 Organisation, quantitative Befunde und Forschungsfragen, S. 46.
10 vgl. ebd.
11 vgl. Wagner, Sylvie/ Wiebel, Burkhard (2020): „Verschickungskinder“ – Einsatz sedierender Arzneimittel und Arzneimittelprüfungen. Ein Forschungsansatz, in: Sozial Geschichte Online 28, https://sozialgeschichteonline.files.wordpress.com/2020/08/wager_wiebel_verschickung_sgo_28_vorverc3b6ffentlichung-1.pdf, S. 11 [entnommen am 16.06.23  ].

  

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