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ALLRIS - Vorlage

Stellungnahme - 23-22158-01

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Sachverhalt

Sachverhalt:

Zur Anfrage der Fraktion BIBS vom 22.09.2023 (Drs.-Nr. 23-22158) wird wie folgt Stellung genommen:

 

Hintergrund: Herr Hasso Lies übergab dem Städtischen Museum Braunschweig im Dezember 2022 eine einzigartige Sammlung turkmenischen Silberschmucks. Bei den mehr als 300 Stücken handelt es sich um Armreifen, Armspangen, Anhänger, die als Brust- und Rückenschmuck dienen, Fußreife, Fingerringe, Ohrringe, Nasenring, Amulettbehälter (für Talismanen), Mützenschmuck, Zopfschmuck, Schläfengehänge, Haubenschmuck, Halsschmuck, Stirnschmuck, Schmuckscheiben, Gewandschließen, Kragenknöpfe, Pferdeschmuck, Nagelreiniger und Kosmetikbestecke. Die einzelnen Stücke bestehen zum allergrößten Teil aus Silber, sind teilweise durch eingelegte, meist gläserne Schmuckelemente verziert.

 

1) Herr Hasso Lies sammelte als Privatperson seit den späten 1970er Jahren Schmuckstücke turkmenischer Herkunft. Herr Lies erwarb die Stücke stets als in Gebrauch stehende Einzelobjekte direkt von Privatpersonen aus Gemeinschaften der Turkmenen. Vor diesem Hintergrund ist eine Überprüfung bei Lost Art nicht notwendig. Herr Lies stand über Jahrzehnte in vertrauensvollem Kontakt mit Communities der Turkmenen und baute seine Sammlung kontinuierlich auf. Die turkmenischen Communities sind eng vernetzt. Jeder nicht vollends korrekte Handelsvorgang hätte sämtliche Communities erreicht, Verufe hätten nicht mehr stattfinden können, ein kontinuierlicher Sammlungsaufbau wäre auf keinen Fall glich gewesen. Eine ungerechtfertigte Enteignung oder Aneignung ist deshalb auszuschließen; es ist davon auszugehen, dass Herr Lies von den turkmenischen Partnerinnen und Partnern als uneingeschränkt vertrauenswürdig angesehen wurde. r turkmenischen Schmuck existierte und existiert kein gesonderter Markt. Die Verarbeitung des Silbers folgt volkskundlichen Traditionen, erzeugt aber nicht unbedingt bei Verkäufen einen sehr hohen Mehrwert gegenüber dem reinen Metallpreis. Der aktuelle Silberpreis diente und dient den Turkmenen als Richtschnur für einen Kaufpreis, der auf keinen Fall unterschritten werden darf. Auch aus diesem Grunde ist auszuschließen, dass Stücke zu „Dumpingpreisen“ erworben wurden. Kaufquittungen wurden bei den Erwerbungen nicht ausgestellt. Es galt das für die Communities gängige Prinzip des „Handschlags.

 

2) Wie in der anfänglich aufgeführten Hintergrundinformation deutlich wurde, spiegelt die Sammlung von Herrn Lies die gesamte Bandbreite von Objekttypen und Varianten turkmenischen Schmucks wider. Die Sammlung gestattet es, historische Entwicklungen innerhalb des turkmenischen Kunsthandwerks nachzuvollziehen. Gleichzeitig spiegelt der gesammelte Schmuck - ob Hochzeitsschmuck, Schmuck für verschiedene Altersgruppen oder Schmuckdosen für magische Amulette - soziologische wie religionsgeschichtliche Charakteristika der turkmenischen Gesellschaft wider. Das Angebot von Herrn Lies war für das Städtische Museum deshalb die einzigartige Chance, eine organische gewachsene, breit angelegte turkmenische Sammlung zu erhalten.

Die Übernahme der Sammlung Lies steht in direktem Zusammenhang mit der neukonzipierten Ethnologischen Dauerausstellung des Städtischen Museums, die in den letzten Jahren erarbeitet wurde. Geplant ist eine Serie von Wechselausstellungen, die die Dauerausstellung ergänzen. Die Sammlung turkmenischen Schmucks wird für das Städtische Museum in diesem Zusammenhang zwei Verwendungsmöglichkeiten erfüllen: Sie wird nach wissenschaftlicher Erschließung Gegenstand einer prominenten ethnologischen Sonderausstellung sein; gleichzeitig werden repräsentative Stücke in die Dauerausstellungen des Hauses eingebunden. Als Spiegel einer Ethnie eignet sich die Sammlung Lies hervorragend als Counterpart zu den afrikanischen und amerikanischen Sammlungen des Hauses.

 

3) Bei Sachspenden wie etwa Kunstgegenständen umfasst die Überprüfung der Provenienz folgenden Maßnahmenkatalog: Bei Objekten, die vor 1945 entstanden sind, erfolgt prinzipiell eine Überprüfung bei Lost Art, der zentralen Datenbank, in der Stücke verzeichnet sind, die NS-Raubgut waren.

Prinzipiell kontrolliert das Städtische Museum die Lückenlosigkeit der durch Dokumente belegten Objektbiographien. Relevante Dokumente sind u.a. Bescheinigungen über Erbvorgänge oder Erwerbungen, Künstler- oder Sammlungsverzeichnisse. Bei Überprüfung von angebotenen Sachspenden werden zudem Forschungsergebnisse, die das Städtische Museum selbst oder andere Institute erarbeitet haben, hinzugezogen. Bei Zweifelsfällen spricht das Städtische Museum über geeignete Verteiler den Kollegenkreis gezielt an.



 

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