Rat und Stadtbezirksräte
Mitteilung - 22-18730-02
Grunddaten
- Betreff:
-
Wie wirkt sich das vorübergehende Angebot des "9-EURO-Tickets" in Braunschweig aus?
- Status:
- öffentlich (Vorlage freigegeben)
- Vorlageart:
- Mitteilung
- Federführend:
- 66 Fachbereich Tiefbau und Verkehr
- Beteiligt:
- 0600 Baureferat
- Verantwortlich:
- Leuer
Beratungsfolge
| Status | Datum | Gremium | Beschluss | NA |
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●
Erledigt
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Ausschuss für Mobilität, Tiefbau und Auftragsvergaben
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zur Kenntnis
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12.03.2024
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Sachverhalt
Sachverhalt:
Hintergrund
Im Rahmen des Energie-Entlastungspakets wurde durch die Bundesregierung für den Zeitraum vom 01.06.2022 bis zum 31.08.2022 das sogenannte 9-Euro-Ticket eingeführt. Mit dem Ticket konnten für nur 9 Euro monatlich alle Busse und Bahnen im Nah- und Regionalverkehr genutzt werden. Das Angebot war auf drei Monate begrenzt und sollte einerseits die Lasten infolge der Corona-Pandemie mildern und ein niederschwelliges Angebot auch an nicht-ÖPNV-affine Menschen darstellen, den ÖPNV zu nutzen und dessen Vorteile kennenzulernen. Insbesondere im Schienenpersonennahverkehr gab es teils sehr starke Zuwächse an Fahrgästen. Überwiegend wurde das Ticket für Freitzeitverkehre und an Wochenenden genutzt.
Mit dem vom VA beschlossenen Änderungsantrag 22-18730-01 wurde die Verwaltung beauftragt, alle Daten auszuwerten, die für eine Analyse zur Veränderung des Mobilitätsverhaltens in den Monaten Januar bis Oktober 2022 im Vergleich zu den Vorjahren und Folgejahren herangezogen werden können und eine Analyse zu erstellen, die mögliche Veränderungen im Mobilitätsverhalten möglichst seit Anfang 2019 aufzeigt. Es sollte dargelegt werden, ob das 9-Euro-Ticket dazu beiträgt, dass die Corona-bedingt ab Frühjahr 2020 gesunkenen Fahrgastzahlen wieder den Stand des Jahres 2019 erreichen bzw. noch deutlich verbessern und ob sich im gleichen Zug auch Veränderungen beim MIV zeigen. Die Analyse wird dem AMTA wie erbeten vorgelegt.
Kraftfahrzeugverkehr:
Zum Zeitpunkt der Auswertung standen aufgrund eines Systemfehlers nur wenige Zählstellen valide zur Verfügung. Aus diesem Grund wurden zur Auswertung des Kraftfahrzeugverkehrs exemplarisch zwei städtische Dauerzählstellen, die den Kraftfahrzeugverkehr erfassen, ausgewertet. Betrachtet wurden die Zählstellen auf der Frankfurter Straße nahe Ekbertstraße (Fahrtrichtung Norden) sowie Salzdahlumer Straße westlich des Klinikums (Fahrtrichtung stadteinwärts). Wie bereits unter DS 22-18730-01 erläutert ist zu berücksichtigen, dass immer nur gleiche Zeiträume statistisch stabil miteinander verglichen werden können, denn das Verkehrsverhalten unterliegt nicht nur tages- und wochenzeitlichen Schwankungen, auch jahreszeitliche Schwankungen haben einen großen Einfluss auf z. B. die Verkehrsmittelwahl. Daher wurden die folgenden identischen Zeiträume (jeweils 2 Wochen) miteinander verglichen. Dabei wurden immer zwei Wochenenden inkludiert und die Zeitfester wurden so gewählt, dass Ferien oder Feiertage immer gleichartig in den Zeitfenstern enthalten waren. Insbesondere bezogen auf die Ferien und das Zeitfenster des 9-Euro-Tickets traf dies nur auf wenige Wochen zu, sodass auf weitere Einflussfaktoren wie Baustellen, Unfallsituationen oder Wetter keine Rücksicht genommen werden konnte.
Folgende Zeiträume wurden für die Jahre 2019 (als das letzte Jahr vor Corona) bis 2023 exemplarisch betrachtet:
- 15.06. - 28.06. (keine Ferien, 9-Euro-Ticket in 2022)
- 25.07. - 07.08. (Ferien, 9-Euro-Ticket in 2022)
- 11.09. - 24.09. (keine Ferien)
- 07.11. - 20.11. (keine Ferien)

Abb. 1: Verkehrsmengen [in Kfz pro 14 Tage] an der Messstelle Frankfurter Straße (Fahrtrichtung Norden). Keine Darstellung für den vierten Betrachtungsraum in 2023, da keine vollständigen Daten dafür vorlagen.

Abb. 2: Verkehrsmengen [in Kfz pro 14 Tage] an der Messstelle Salzdahlumer Straße (Fahrtrichtung stadteinwärts). Keine Darstellung für die Jahre 2019 und 2020, da sich infolge des Baumaßnahmen am Kreuz BS-Süd die Verkehrsmengen auf der Salzdahlumer Straße zu der Zeit noch deutlich anders darstellten.
Wie in den Abbildungen 1 und 2 zu sehen ist, ist das Verkehrsverhalten bzw. die messbare Verkehrsmenge regelmäßigen Schwankungen unterlegen. Eine wesentliche Grundtendenz ist dabei zu erkennen: Die Verkehrsmengen von 2019 (als das Vergleichsjahr vor der Corona-Pandemie) und den Jahren danach sinken tendenziell. Gleichwohl sind immer wieder „Ausreißer“ nach oben oder unten zu erkennen, die nicht unmittelbar erklärbar sind. Diese sind vermutlich auf die oben erläuterten nicht berücksichtigten Randbedingungen zurückzuführen.
Auch in den beiden Zeiträumen, in denen das 9-Euro-Ticket galt, zeigt sich ein uneinheitliches Bild in der Verkehrsmenge. Tendenziell ist eine Abnahme im Kfz-Verkehr gegenüber den Vorjahren zu erkennen, gleichwohl ist im ersten Betrachtungszeitraum an der Salzdahlumer Straße ein deutlich erhöhtes Verkehrsaufkommen zu verzeichnen.
Parallel zum 9-Euro-Ticket wurde für den gleichen Zeitraum die Energiesteuer auf Kraftstoffe auf das europäische Mindestmaß abgesenkt (sog. „Tankrabatt“). Die Steuerentlastung für Benzin betrug damit 30 Cent je Liter, für Diesel 14 Cent je Liter. Diese gegenläufige, den Kfz-Verkehr fördernde Maßnahme, wird sich auch in den Verkehrsmengen widerspiegeln, ohne dass dieser Effekt über die reinen Zähldaten erfassbar wäre.
Grundsätzlich finden sich Abweichungen der Verkehrsmengen in den jeweiligen Betrachtungsräumen mit und ohne 9-Euro-Ticket, die einen kleinen Effekt des 9-Euro-Tickets erkennen lassen könnten. In wie weit diese tatsächlich infolge des 9-Euro-Tickets erfolgten oder aufgrund anderer Effekte eintraten, ist mit den Daten aus den städtischen Verkehrszählungen nicht statistisch valide erklärbar.
ÖPNV:
Dazu teilt die Braunschweiger Verkehrs-GmbH (BSVG) folgendes mit:
„Im Zeitraum vom 01.06. bis 31.08.2022 war das bundesweite 9-Euro-Ticket für den ÖPNV gültig. Annähernd zeitgleich sind viele durch die Corona-Pandemie bedingte Einschränkungen und Maßnahmen entfallen, so dass insgesamt wieder eine stärkere Mobilität bei den Menschen vorlag. Beide Effekte lassen sich nicht klar voneinander trennen. Seitens der BSVG konnte im genannten Zeitraum wieder eine deutlich stärkere Nutzung des ÖPNV verzeichnet werden.
Der Wiederanstieg in den Fahrgastzahlen erstreckt sich über das gesamte Verkehrsnetz der BSVG. Insbesondere von und in Richtung Hauptbahnhof war die Nachfrage gerade zu Beginn des 9-Euro-Tickets deutlich angestiegen. Zusatzverkehre waren nicht erforderlich, da jahreszeitbedingt und aufgrund des weiterhin geringeren Fahrgastfrequenz gegenüber dem Vor-Corona-Niveau noch Kapazitätsreserven im System zur Verfügung standen.
Im Ergebnis hatte die Anzahl der Einsteiger an einem durchschnittlichen Werktag im Zeitraum vom 01.06. bis 13.07.2022 (Beginn der Sommerferien) wieder das Niveau aus dem Jahr 2019 erreicht. Auch in den Sommerferien (14.07. bis 24.08.2022) wurden wieder die Einsteigerzahlen aus 2019 erreicht.
Im Tagesverlauf an Werktagen wurde in den Spitzenstunden (7 Uhr und 13 Uhr) knapp das Fahrgastniveau von 2019 wieder erreicht. In der Hauptverkehrszeit am Nachmittag von 14 bis 18 Uhr war die Nachfrage noch leicht geringer, abends nach 19 Uhr dagegen leicht höher im Vergleich zum Jahr 2019. Dies sind Indikatoren für die Nutzung des 9-Euro-Tickets. Am Abend findet überwiegen Freizeitverkehr statt. Die Hauptverkehrszeit ist eher von Pendler- und Schulverkehren dominiert. Das 9-Euro-Ticket führte demnach vermehrt zu Nutzung des ÖPNV im Freizeitverkehr. Die Fahrgastnachfrage lag fast ganztägig von 8 bis 24 Uhr deutlich über der Nachfrage der direkten Vormonate April und Mai 2022.
Am deutlichsten ist die Nachfrage an den Wochenendtagen Samstag und Sonntag angestiegen. Hier lag die Fahrgastzahl etwa 10 % über dem Niveau aus dem Jahr 2019. Dies deutet nochmals sehr deutlich darauf hin, dass das 9-Euro-Ticket vielfach im Freizeitverkehr neue Fahrgäste angelockt hat.
Im Zeitraum September 2022 bis April 2023 war die Nachfrage wieder etwas niedriger, bei etwa 10 – 15 % unter dem Niveau von 2019. Seit Einführung des Deutschland-Tickets ist die Fahrgastnachfrage wieder angestiegen und liegt seit Mai 2023 bereits wieder auf dem Niveau der Vergleichsmonate des Jahres 2019. An Samstagen und Sonntagen ist die Nachfrage – ähnlich wie zu Zeiten des 9-Euro-Tickets – um etwa 10 % höher als noch im Jahr 2019.“
Gesamtfazit:
Aufgrund der städtischen Verkehrszähldaten ist kein eindeutiges Bild hinsichtlich einer verstärkten nicht-Nutzung des eigenen Autos infolge des 9-Euro-Tickets zu erkennen.
Gleichwohl ist dieser Effekt sehr deutlich bei den Zahlen der BSVG zu erkennen, die sich auch im allgemeinen Trend der deutschen Verkehrsunternehmen widerspiegeln. Gemäß Abschlussbericht des Verbandes deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) zum 9-Euro-Ticket zeigte sich, dass infolge der Aktion rd. 12 % der Bevölkerung den ÖPNV nunmehr häufiger nutzen wollen. Fast 30 % der durch das 9-Euro-Ticket gewonnenen Neukunden, die den ÖPNV zuvor normalerweise nicht genutzt haben, haben den ÖPNV zwischen September und November weiterhin genutzt. Dies entspricht etwa 1,8 Millionen Fahrgästen. Als häufigster Grund für die verstärkte Nutzung wird die Nutzungserfahrung während des Aktionszeitraums angegeben. Auch nach dem Aktionszeitraum fahren ein Viertel der Nutzer mehrmals pro Monat oder sogar pro Woche über die Grenzen ihres Verbundgebiets hinaus.
