Rat und Stadtbezirksräte

ALLRIS - Vorlage

Beschlussvorlage - 26-28353

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Beratungsfolge

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Beschlussvorschlag

Der Verlegung sogenannter Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig im öffentlichen Straßenraum vor dem in der Vorlage bezeichneten Grundstück wird zugestimmt.

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Sachverhalt

Gemäß § 93 Abs. 1 Ziffern 5 und 10 des Niedersächsischen Kommunalverfassungsgesetzes (NKomVG) in Verbindung mit § 16 Abs. 1 Ziffer 8 der Hauptsatzung der Stadt Braunschweig vom 8. November 2011 in der derzeit geltenden Fassung entscheiden die Stadtbezirksräte über die Aufstellung von Kunstwerken. Vorliegend handelt es sich bei der Verlegung sogenannter Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig um derartige Kunstwerke. Dem Konzept des Projektes Stolpersteine entsprechend enthalten jeweils neu zu verlegende Steine den Namen der Opfer des Nationalsozialismus sowie kurze Angaben zum Geburtsjahr und zum jeweiligen Schicksal.

Der Verein „Stolpersteine für Braunschweig e.V.“ hat die folgenden Daten zur Familie Meyersfeld und und zu Walter Ott ermittelt und der Verwaltung mitgeteilt:

Friedrich-Wilhelm-Platz 3, 38100 Braunschweig

Berthold Meyersfeld

Geboren: 18.04.1875 in Braunschweig

Lebenslauf/Schicksal: Berthold Meyersfeld war das erste Kind des Bankiers, Mäzens (u.a. des Eulenspiegel-Brunnens) und Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Braunschweig, Bernhard Meyersfeld, und seiner Frau Adele, geb. Stein. Mit seinem jüngeren Bruder Paul, geb. 1876, wuchs er in einem gesicherten, behüteten Umfeld auf. Er besuchte gemeinsam mit Richard Borek I. die Oberrealschule „Hintern Brüdern“ und trat später in das Bankhaus seines Vaters ein. 1908 heiratete er in Paris Cécile-Berche Rau. Gemeinsam zogen sie nach Braunschweig. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Annette (geb. 1909), Herbert (geb. 1911) und Alix Miriam (geb. 1920). Die Familie lebte zunächst in einer Villa am Sandweg 3 (heute Magnitorwall). Berthold war in der jüdischen Gemeinde engagiert, von 1926 bis 1932 fungierte er als Vorsteher. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus verschlechterte sich die Lage dramatisch. Die jüdischen Banken wurden systematisch wirtschaftlich isoliert und schließlich zur Aufgabe gezwungen. Für die Familie Meyersfeld bedeutete dies den finanziellen Ruin. 1931 ging das Bankhaus in Konkurs. Die Familie zog in das Gebäude des ehemaligen Bankhauses am Friedrich-Wilhelm-Platz 3 um. Berthold starb am 26.04.1936; er erlebte noch das erste Jahr der nationalsozialistischen Ausgrenzung der Juden.

Ausbildung/Beruf: Bankkaufmann

Wohnort: Friedrich-Wilhelm-Platz 3

Grund der Verfolgung: Jude

Verfolgung: Ab 1933 Ausgrenzung als Jude

Verlegungsort: Friedrich-Wilhelm-Platz 3

Grund der Verlegung: Recherche von Kollegiatinnen und Kollegiaten des Braunschweig-Kollegs. Die Recherche erfolgte auf Bitte von Richard Borek, einem engen Freund von Michael Meyersfeld, dem Enkel von Cécile-Berche Meyersfeld und Berthold Meyersfeld.

Cécile-Berche Meyersfeld, geb. Rau

Geboren: 21.02.1879 in Braunschweig

Lebenslauf/Schicksal: Cécile-Berche Rau wuchs in einem französisch-jüdischen Milieu auf, das von Bildung, Weltoffenheit und kultureller Lebendigkeit geprägt war. 1908 heiratete sie Berthold Meyersfeld in Paris und zog mit ihm nach Braunschweig. Cécile-Berche Meyersfeld sprach gut Deutsch, schloss schnell Freundschaften und war in der Braunschweiger Stadtgesellschaft sehr anerkannt.

Ausbildung/Beruf: Nach dem Konkurs des Bankhauses 1931 eröffnete Cécile-Berche Meyersfeld im ehemaligen Bankgebäude das zunächst beliebte und florierende Wiener Café.

Wohnort: Friedrich-Wilhelm-Platz 3

Grund der Verfolgung: Jüdin

Verfolgung: Nach dem 31.01.1933 wurde das Wiener Café angefeindet und beschädigt. Cécile-Berche Meyersfeld weigerte sich im April 1933, die Hakenkreuz-Flagge zu hissen. Sie wurde vom Geschäftsführer denunziert und umgehend in sog. Schutzhaft genommen. Bis Juni 1933 war sie im Strafgefängnis Braunschweig inhaftiert. 1934 floh sie zunächst nach Berlin, wo sie die französische Staatsbürgerschaft wiederzuerhalten versuchte. Nachdem ihr dies gelungen war, floh sie mit ihrer jüngsten Tochter Alix nach Paris. Nach dem deutschen Einmarsch in Paris 1940 flüchteten sie weiter über Südfrankreich, Grasse und Nizza, schließlich unter dramatischen Umständen über die Pyrenäen nach Spanien. 1942 gelangten beide über Portugal nach Südafrika.

Verlegungsort: Friedrich-Wilhelm-Platz 3

Grund der Verlegung: Recherche von Kollegiatinnen und Kollegiaten des Braunschweig-Kollegs. Die Recherche erfolgte auf Bitte von Richard Borek, einem engen Freund von Michael Meyersfeld, dem Enkel von Cécile-Berche Meyersfeld und Berthold Meyersfeld.

Annette Meyersfeld

Geboren: 25.03.1909 in Braunschweig

Lebenslauf/Schicksal: Annette Meyersfeld wuchs mit ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Herbert und ihrer um einige Jahre jüngeren Schwester Alix in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Nach der Haftentlassung ihrer Mutter Cécile-Berche Meyersfeld im Jahr 1933 zog sie gemeinsam mit ihrer Mutter und der Schwester Alix im Folgejahr nach Berlin. Dort lernte sie den homosexuellen Balletttänzer Alexander Frank kennen. Ihre nach außen bestehende Partnerschaft bot für beide einen gewissen Schutz vor den nationalsozialistischen Repressalien. Gemeinsam flohen sie 1934 nach Paris und dann weiter nach Südafrika.

Ausbildung/Beruf: Annette hatte an der Max-Reinhardt-Theaterschule eine Ausbildung zur Schauspielerin begonnen. Als Jüdin wurde sie bald der Schule verwiesen.

Wohnort: Friedrich-Wilhelm-Platz 3

Grund der Verfolgung: Jüdin

Verfolgung: Als Jüdin und lesbische Frau erlebte sie Ausgrenzung und Repressalien.

Verlegungsort: Friedrich-Wilhelm-Platz 3

Grund der Verlegung: Recherche von Kollegiatinnen und Kollegiaten des Braunschweig-Kollegs. Die Recherche erfolgte auf Bitte von Richard Borek, einem engen Freund von Michael Meyersfeld, dem Enkel von Cécile-Berche Meyersfeld und Berthold Meyersfeld.

Herbert Meyersfeld

Geboren: 21.01.1911 in Braunschweig

Lebenslauf/Schicksal: Herbert Meyersfeld wuchs als mittleres von drei Kindern in einem begüterten Haushalt des Ehepaares Cécile-Berche Meyersfeld und Berthold Meyersfeld auf. Seine Schulzeit an der Gaußschule verlief zunächst unauffällig. Als einziger jüdischer Schüler unter mehreren hundert Mitschülern war Herbert Meyersfeld Antisemitismus ausgesetzt. Schmierereien, abfällige Bemerkungen und schließlich auch offen antisemitische Äußerungen von Lehrkräften prägten den Schulalltag. Nach dem Abitur begann Herbert Meyersfeld ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Berlin. Doch verschlechterten sich die Bedingungen für ihn rapide. Die nationalsozialistische Einflussnahme an den Universitäten nahm zu, jüdische Professoren wurden an der Lehre gehindert, jüdische Studierende wurden ausgegrenzt. Herbert Meyersfeld musste die Universität verlassen, ging zurück nach Braunschweig und arbeitete für eine kurze Zeit in einer jüdischen Bank in Hannover. 1933 floh er nach Paris. 1934 erhielt er eine Anstellung in einem britischen Unternehmen eines Cousins, der in London lebte. Er arbeitete für das Unternehmen in Madagaskar. Nach deren Konkurs 1936 ging Herbert Meyersfeld nach Südafrika. 1939 heiratete er Betty Leftin, bekam mit ihr drei Kinder und arbeitete als Direktor und Geschäftsführer eines Stahlhandelsunternehmens. Herbert Meyersfeld starb am 25.08.2006 in Kapstadt.

Ausbildung/Beruf: Direktor und Geschäftsführer eines Stahlhandelsunternehmens

Wohnort: Friedrich-Wilhelm-Platz 3

Grund der Verfolgung: Jude

Verfolgung: Ab 1933 wurde der Familie von Herbert Meyersfeld zunehmend die finanzielle Lebensgrundlage entzogen. Das familieneigene Café musste geschlossen werden, was die finanzielle Lage nach dem Verlust des Bankhauses weiter verschärfte. Herbert Meyersfeld entging nur knapp einem tödlichen Überfall auf jüdische Freunde. Die Ereignisse machten deutlich, dass ein Verbleib im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr möglich war.

Verlegungsort: Friedrich-Wilhelm-Platz 3

Grund der Verlegung: Recherche von Kollegiatinnen und Kollegiaten des Braunschweig-Kollegs. Die Recherche erfolgte auf Bitte von Richard Borek, einem engen Freund von Michael Meyersfeld, dem Enkel von Cécile-Berche Meyersfeld und Berthold Meyersfeld.

Alix (Lixi) Meyersfeld

Geboren: 20.03.1920 in Braunschweig

Lebenslauf/Schicksal: Ihre Kindheit verbrachte Alix Meyersfeld als jüngstes von drei Geschwistern des Ehepaares Cécile-Berche Meyersfeld und Berthold Meyersfeld in einem großbürgerlichen Haushalt, der von materieller Sicherheit und festen familiären Strukturen geprägt war. Nach antisemitischen Anfeindungen und Repressalien sowie dem Tod des Vaters 1934 zog Alix Meyersfeld mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Berlin um. 1937 floh sie mit ihrer Mutter nach Paris und von dort 1940 weiter nach Südfrankreich und 1942 über Spanien, wo sie zeitweise mit ihrer Mutter als Flüchtling inhaftiert war, und über Portugal nach Südafrika.

Ausbildung/Beruf: Der Schulbesuch von Alix Meyersfeld in Braunschweig ist nicht bekannt. In Berlin wurde sie als Jüdin der Schule verwiesen und konnte keine weitere Ausbildung verfolgen.

Wohnort: Friedrich-Wilhelm-Platz 3

Grund der Verfolgung: Jüdin

Verfolgung: Aufgrund von Repressalien zog sie 1934 mit ihrer Mutter unfreiwillig nach Berlin. Dort war ihr als Jüdin der Zugang zu Schule und Ausbildung verwehrt.

Verlegungsort: Friedrich-Wilhelm-Platz 3

Grund der Verlegung: Recherche von Kollegiatinnen und Kollegiaten des Braunschweig-Kollegs. Die Recherche erfolgte auf Bitte von Richard Borek, einem engen Freund von Michael Meyersfeld, dem Enkel von Cécile-Berche Meyersfeld und Berthold Meyersfeld.

Güldenstraße 48, 38100 Braunschweig

Walter Ott

Geboren: 09.11.1904 in Görschlitz, Vogtlandkreis

Lebenslauf/Schicksal: Über die Kindheit und Jugend von Walter Ott ist nichts bekannt. Walter Ott war verheiratet und Vater von vier Kindern, als er erstmals verhaftet wurde. Während der Zeit seiner Inhaftierung lebte seine Frau mit einem anderen Mann zusammen. Im Dezember 1945 wurde die Ehe geschieden.

Ausbildung/Beruf: Schmied

Wohnort: Güldenstraße 48

Grund der Verfolgung: Sog. Bibelforscher (Zeuge Jehovas)

Verfolgung: Walter Ott wurde erstmals 1934 wegen Verteilens von Flugblättern der Zeugen Jehovas für zwei Monate inhaftiert. In den Folgejahren wurde er drei weitere Male im Strafgefängnis Braunschweiginhaftiert. Vom 26.03.1938 bis zum 27.05.1945 war Walter Ott Häftling im Konzentrationslager Buchenwald.

Verlegungsort: Güldenstraße 48

Grund der Verlegung: Auf Bitte von und Recherche durch Reiner Lüdtke von den Zeugen Jehovas.

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Beschlüsse

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