Rat und Stadtbezirksräte
Mitteilung - 23-21898
Grunddaten
- Betreff:
-
Beratungs- und Unterstützungsangebote für wohnungslose Frauen in Braunschweig
- Status:
- öffentlich (Vorlage freigegeben)
- Vorlageart:
- Mitteilung
- Federführend:
- 50 Fachbereich Soziales und Gesundheit
- Verantwortlich:
- Dr. Rentzsch
Beratungsfolge
| Status | Datum | Gremium | Beschluss | NA |
|---|---|---|---|---|
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●
Erledigt
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Ausschuss für Soziales und Gesundheit
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zur Kenntnis
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30.08.2023
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Sachverhalt
Sachverhalt:
Auf Wunsch aus der Sitzung des AfSG am 20.04.23 berichtet die Verwaltung über Wohnungslosigkeit von Frauen in Braunschweig und entsprechende Hilfsangebote.
Anhand der allgemeinen Hilfsangebote für wohnungslose Menschen einschließlich präventiver Angebote wird die besondere Situation von Frauen betrachtet. Nicht immer gibt es eine klare Trennung von Hilfen für bereits wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen.
Die Verwaltung berät bei Miet- und Energierückständen alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt Braunschweig und bringt obdachlose Menschen nach dem NPOG zur Gefahren-abwehr unter. Zudem bietet sie Sozialarbeit in den Wohnungslosenunterkünften an und ermöglicht durch Probewohnmaßnahmen den Bezug einer Wohnung.
Als freier Träger bietet die Diakonische Gesellschaft Wohnen und Beraten (DWB) in Braunschweig ein breites Spektrum von Beratungs- und Hilfsangeboten für wohnungslose Menschen an. Durch die Beratungsstelle „Unter uns“ hält sie ein besonderes Angebot ausschließlich für Frauen vor.
Durch den AK Streetwork sind die in der Arbeit mit wohnungslosen Menschen tätigen Institutionen vernetzt.
1. Besondere Situation von wohnungslosen Frauen
Mietschulden sind generell ein Hauptgrund für die Entstehung von Wohnungslosigkeit. Meistens treten sie jedoch in Verbindung mit weiteren Problemlagen auf, ohne dass die eigentliche Ursache immer genau bekannt wird.
Bei ausführlichen Befragungen von Frauen in der Beratungsstelle „Unter uns“ ist deutlich geworden, dass die Trennung vom Partner und Gewalterfahrungen in der Beziehung häufig auftretende Faktoren sind. Aber erst in vertraulichen Gesprächen werden Gewalterfahrungen benannt. Bei Kurzabfragen werden sie nicht angegeben. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen der Verwaltung bei der Prävention (s. 2.1) und der Unterbringung (s. 2.2).
Bei Frauen spielt die verdeckte Wohnungslosigkeit im Sinne von Couch-Surfing eine größere Rolle. Frauen gehen eine Partnerschaft ein, um nicht obdachlos zu werden.
Obdachlose Frauen sind auf der Straße ungeschützt gegenüber sexuellen Übergriffen.
2. Hilfsangebote der Stadt Braunschweig
2.1. Beratung bei Miet- und Energierückständen
In der Stelle Wohnhilfen werden Personen beraten, die Miet- und / oder Energierückstände haben, z. B. eine fristlose Kündigung, eine Räumungsklage, eine Mahnung des Energieversorgers oder eine Sperrung der Strom- und / oder Gasversorgung. Beim Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen ist eine finanzielle Hilfeleistung nach § 22 SGB II oder § 36 SGB XII möglich.
Frauenanteil der Hilfesuchenden in % | |
2020 | 43 % |
2021 | 40 % |
2022 | 44 % |
Ausgewertet wurde der Haushaltsvorstand (= in der Regel die Hilfe suchende Person). Haushaltsangehörige sind hier nicht erfasst. Es ist schwierig, aus der Übersicht Folgerungen zu ziehen, da unklar ist, ob Männer öfter Probleme haben oder aktiver Hilfe suchen.
2.2 Unterbringung von wohnungslosen Frauen nach NPOG
Die Unterbringungsform (z. B. in Wohngemeinschaften oder Einzelwohnungen) orientiert sich an den jeweiligen Personengruppen (alleinstehende Frauen, Paare, Familien). Überwiegend erfolgt eine Unterbringung in Wohngemeinschaften.
Im Jahr 2022 wurden 94 Frauen (2021: 71 Frauen, 2020: 62 Frauen) in Wohnungslosen-einrichtungen der Stadt Braunschweig aufgenommen, 86 Frauen (2021: 76 Frauen, 2020: 64 Frauen) haben die Unterkünfte im selben Zeitraum verlassen und wurden z. B. mit Wohnraum versorgt.
Frauenanteil bei den Gesamteinweisungen | |
2020 | 29,5 % |
2021 | 33,2 % |
2022 | 43,5 % |
Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Nutzerinnen, die 2022 in den städtischen Wohnungslosenunterkünften untergebracht waren, betrug 328 Tage (2021: 379 Tage, 2020: 443 Tage).
Altersstruktur
Die nachstehende Tabelle zeigt die Altersstruktur der Frauen, welche in den Jahren 2020 bis 2022 in die Wohnungsloseneinrichtung der Stadt Braunschweig eingewiesen wurden. Die weiblichen Personen unter 18 Jahren sind Töchter von untergebrachten Personen. Kinder unter 18 Jahren ohne Elternteil werden nicht aufgenommen. Die Jugendhilfe ist zuständig.

Gründe für die Wohnungslosigkeit
Die Frauen sind aus den verschiedensten Gründen wohnungslos geworden.
Gründe der Wohnungslosigkeit | 2022 | 2021 | 2020 |
Spätaussiedlerinnen | 38 | 42 | 17 |
Zwangsräumungen, die durch die Prävention der Stelle 50.12 nicht verhindert werden konnten | 9 | 4 | 9 |
Wohnungsverlust durch Verhalten, Verwahrlosung Mietschulden, eigene Kündigungen (50.12 nicht involviert) | 8 | 2 | 4
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Rauswurf bei Freunden/ Bekannten | 7 | 1 | 1 |
Familienzusammenführung Geflüchtete | 5 | 1 | 2 |
Beendigung Unterbringung Diakonie/ Parität/ Frauenhaus/ Jugendhilfe/ Haus Braunschweig | 4 | 6 | 5 |
Trennung | 4 | 5 | 8 |
Brand/Wasserschaden, Wohnung nicht bewohnbar, Nutzungsuntersagung aus Brandschutzgründen | 4 | 4 | 7 |
Entlassung aus Krankenhaus und Therapie | 4 | 4 | 2 |
Ausstieg aus Prostitution | 4 | 1 | 2 |
Entlassung aus Haft | 3 | 1 | 0 |
Beendigung Unterbringung aus WSO für Geflüchtete | 2 | 0 | 3 |
Rauswurf von der Familie | 1 | 0 | 2 |
Ohne festen Wohnsitz | 1 | 0 | 0 |
Gesamt | 94 | 71 | 62 |
Zusammenfassung
Die Anzahl der in den städtischen Wohnungslosenunterkünften aufgenommenen Frauen ist seit dem Jahr 2020 stetig gestiegen. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass der Anteil der Spätaussiedlerinnen insbesondere in den Jahren 2021 und 2022 stark zugenommen hat.
Vor allem der Anteil junger Frauen ist größer geworden. Die Verweildauer hat sich jedoch verringert.
2.3. Sozialarbeit in den Wohnungslosenunterkünften
In allen Unterkünften wird Hilfe durch Sozialarbeit angeboten. Für die dezentralen Unterkünfte steht 1 VZÄ zur Verfügung. Häufig sind es multiple Problemlagen (Sucht, psychische Beeinträchtigung, Verwahrlosung u. a.), die die Wohnungssuche bzw. eigenständiges Wohnen erschweren. Oft muss zunächst das Existenzminimum gesichert werden, und Vermittlung in ambulante und stationäre Maßnahmen wegen psychischer Beeinträchtigung und / oder Sucht ist notwendig.
Ein Schwerpunkt liegt in der Vermittlung und Begleitung von Probewohnmaßnahmen aus dem Kontingent der NiWo (15 jährlich) und der BBG (5 jährlich) aus Kooperationsverträgen. Bei erfolgreichem Verlauf kann nach einem Jahr ein eigener Mietvertrag unterzeichnet werden.
3. Probewohnen
Die Sozialarbeiterinnen der zentralen Stelle für Wohnraumhilfe (ZSW) führen weitere Probewohnmaßnahmen durch. Die Wohnungen werden über den Privatvermietermarkt akquiriert. Zielgruppe sind hier hauptsächlich Menschen, die unmittelbar von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Die folgende Übersicht umfasst alle Probewohnmaßnahmen der letzten 3 Jahre.
Übersicht Probewohnen der Stadt Braunschweig
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| 2020 | 2021 | 2022 | davon Frauen | Quote Frauen |
begonnen
| 42 | 33 | 35 | 42 | 38 % |
abgeschlossen mit Mietvertrag
| 35 | 23 | 13* | 30* | 42 % |
*Diese beiden Zahlen bilden nicht das ganze Jahr ab, da PWM aus dem 2. Halbjahr noch laufen.
Auffällig ist, dass Probewohnmaßnahmen mit Frauen anscheinend erfolgreicher mit einem Mietvertrag enden. Der Quotient ist höher als bei den begonnenen Maßnahmen.
4. Streetwork
Im September 2016 gründete sich der Arbeitskreis Streetwork. Die Federführung liegt im Fachbereich Soziales und Gesundheit. Menschen mit multiplen Problemlagen (wie z. B. Wohnungslosigkeit in Kombination mit Sucht und psychischer Krankheit) sollen erreicht werden, um sie an Hilfsangebote heranzuführen. Außerdem soll bei Konflikten mit Anwohner*innen, Geschäftsleuten sowie Passant*innen vermittelt werden, um möglichst für alle Beteiligten einen akzeptablen Weg zu finden. Mitarbeiter*innen des zentralen Ordnungsdienstes, der Polizei, des Jugendamtes, des Sozialpsychiatrischen Dienstes, des Fachbereiches Soziales und Gesundheit sowie die Streetworkerinnen und Streetworker der Diakonischen Gesellschaft Wohnen und Beraten und der Diakonischen Jugendhilfe Kästorf arbeiten eng zusammen. Die Finanzierung der halben Stelle für Streetwork erfolgt durch Vergütung von Fachleistungsstunden aus städtischen Mitteln.
Frauenanteil bei den Neukontakten | |
2020 | 15 % |
2021 | 35 % |
2022 | 35 % |
Der Frauenanteil nimmt insgesamt zu. Bei der DWB sind sowohl Streetworker als auch Streetworkerinnen tätig, so dass geschlechtsspezifisch gearbeitet werden kann, wenn es erforderlich ist.
5. Hilfsangebote der Diakonischen Gesellschaft Wohnen und Beraten (DWB)
Das Angebot der DWB umfasst sowohl präventive Hilfen bei drohender Wohnungslosigkeit als auch Angebote für Menschen, die bereits wohnungslos sind. Es gibt auch eine Schnittmenge zu Personen, die schon Unterstützung der Stadt erhalten. Z. B. kommen Menschen, die als Wohnungslose nach NPOG untergebracht sind, in den Tagestreff Iglu. Wer sich bei der Stadt wegen Miet- und Energierückständen beraten lässt, ist manchmal bereits an einen Stadtteilladen angebunden und wurde vermittelt.
5.1 Beratungsstelle „Unter Uns“
Die Beratungsstelle für wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Frauen befindet sich zentral gelegen in der Innenstadt von Braunschweig am Kohlmarkt. Sie besteht aus zwei Büroräumen, in denen die Beratungen stattfinden können, sowie einem Aufenthaltsraum mit Zugang zu einem Computer, einem großen Badezimmer mit Dusche und einer Küche, in der sich eine Waschmaschine befindet.
Die als niedrigschwellige Hilfe zur kurzfristigen beziehungsweise überbrückenden Unterbringung konzipierte Übergangswohnung wird von der Stadt Braunschweig finanziert. Hierbei handelt es sich um eine Zwei-Zimmer-Wohnung, die sich in unmittelbarer Nähe zur Beratungsstelle befindet, sodass eine direkte und problemlose Unterbringung der hilfe- und ratsuchenden Frauen gewährleistet werden kann. „Unter Uns“ bietet einen Schutzraum. Frauen müssen hier keine Übergriffe befürchten.
Die Kombination aus Tagesaufenthalt, niedrigschwelligem Freizeitangebot (z. B. Frühstück) und Beratungsangebot hat sich bewährt. Die unmittelbar angegliederte Wohnung ermöglicht eine kurzfristige Unterbringung zur Abklärung der Problematik und Initiierung weiterführender Hilfen. Die Beratungsstelle wird vermehrt von Frauen mit Migrationshintergrund (30 %) in Anspruch genommen.
Insgesamt kamen von September 2019 bis August 2022 191 Frauen in die Beratungsstelle. Von den erfassten Frauen haben 40 eine einmalige Beratung in Anspruch genommen. Bei den restlichen 151 Frauen hat sich eine Folgeberatung ergeben. Die Erst- und Folgekontakte erfolgten sowohl persönlich als auch telefonisch. Hinzu kommen insgesamt 93 explizit dokumentierte, ausschließlich telefonische Beratungen. Hierbei handelte es sich um Frauen, die die Beratungsstelle nicht aufsuchen wollten/konnten oder um Personen, die sich nach Hilfemöglichkeiten für ihnen bekannte Frauen erkundigten.
Die angegliederte Übergangswohnung wurde von 32 der oben erfassten Frauen in Anspruch genommen.
5.2 Tagestreff Iglu
Der Tagestreff Iglu ist täglich zu festen Zeiten geöffnet und bietet sowohl Verpflegung zum Selbstkostenpreis wie z. B. ein Frühstück oder Mittagessen als auch die Möglichkeit Wäsche zu waschen und zu Duschen. Auch können sich die Menschen dort länger aufhalten, sich austauschen und informieren. Zudem wird eine umfangreiche Beratung z. B. bei Behördenangelegenheiten, bei Problemen mit der Wohnung, Wohnungssuche sowie Krisenintervention geleistet.
Frauenanteil bei den Hilfe Suchenden | |
2020 | 22 % |
2021 | 20 % |
2022 | 17 % |
Die Frauenquote geht zurzeit zurück. Möglicherweise gehen die Frauen zu „Unter Uns“, da sie dort einen geschützten Raum haben und das Angebot speziell auf sie abgestimmt ist.
5.3 Stadtteilläden
Braunschweig hat 3 Stadtteilläden, die für Menschen in verschiedenen Notlagen Beratung anbieten, z. B. bei (drohender) Wohnungslosigkeit, Problemen mit Behörden, Schuldenregulierung u. a. Zudem bieten sie in unterschiedlicher Form je nach Schwerpunkt auch Mahlzeiten zu einem geringen Preis an und sind ein Treffpunkt im Stadtteil.
Im Rahmen der Eingliederungshilfe leisten sie ambulante Betreuung für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen.
Frauenanteil in der Beratung der Stadtteilläden Nord, West und Mitte zusammengefasst | |
2020 | 35 % |
2021 | 29 % |
2022 | 30 % |
6. Annahme von Hilfe
Es gibt Menschen, die trotz vieler Hilfsangebote die Annahme von Unterstützung ablehnen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Manche Menschen sind psychisch krank, haben aber keine Krankheitseinsicht. Oder sie misstrauen anderen Menschen, so dass trotz langen, intensiven Versuchen, eine Beziehung aufzubauen ein Zugang nur schwer möglich ist. In manchen Fällen ist es schon ein großer Erfolg, wenn sie sich überhaupt ansprechen lassen und z. B. in den Tagestreff kommen, um zu duschen.
Andere sind suchtkrank und schaffen es nur mühevoll, sich um andere Belange als um die Sicherung ihres Konsums zu kümmern, auch wenn sie unter dem Existenzminimum leben und krank sind.
Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass eine kontinuierliche, verlässliche Beziehungsarbeit Menschen hilft, Vertrauen aufzubauen und Hilfe anzunehmen. Für einige bleibt es aber aufgrund von negativen Lebenserfahrungen immer eine Herausforderung.
Daher sollte ein breit gefächertes Hilfs- und Beratungsangebot vorhanden sein, um sowohl niedrigschwellige Angebote wie die Ausgabe eines Schlafsacks auf der Straße als auch intensivere Hilfen wie häufige Kontakte in der Beratungsstelle zur Erschließung von Leistungen oder Hilfe bei Wohnungssuche bieten zu können.
7. Bedeutung der Präventionsarbeit
Das Hilfesystem in Braunschweig für wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen ist insgesamt in Braunschweig gut aufgestellt. Die verschiedenen Netzwerkpartner kooperieren und verweisen gezielt. Mit der Beratungsstelle „Unter uns“ ist ein wichtiger Baustein ergänzt worden, um Frauen Hilfen aus einer Hand, geschlechtsspezifisch und an einem sicheren Ort anbieten zu können und dabei noch die Möglichkeit einer kurzfristigen Unterbringung zu haben.
Die präventive Arbeit hilft entscheidend dabei Wohnungslosigkeit zu vermeiden und ist daher zu erhalten und zu stärken. Bis jetzt hat Braunschweig aufgrund des präventiven Ansatzes vergleichsweise niedrige Wohnungslosenzahlen.
