Rat und Stadtbezirksräte

ALLRIS - Vorlage

Beschlussvorlage - 24-24315

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Beratungsfolge

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Beschlussvorschlag

Beschluss:

Dem Vorschlag der Verwaltung, den Wandteppich in der Großen Dornse des Altstadtrathauses kurzfristig mittels eines QR-Codes hinsichtlich seiner Autorenschaft zu kontextualisieren, wird zugestimmt. Der Beschlussvorschlag stellt einen ersten Verfahrensschritt im Umgang mit dem sog. Wollermann-Teppich dar.


 

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Sachverhalt

Sachverhalt:

In der Großen Dornse im Altstadtrathaus ngt seit 1960 an der südlichen Stirnwand ein großformatiger Wandteppich des Künstlers Karl Wollermann (1904 bis 1993). Vor dem Hintergrund, dass die Biografie Wollermanns eng mit der nationalsozialistischen Kulturpolitik verknüpft war, ist der von ihm entworfene Teppich, der ohne jede NS-Symbolik in abstrahierter Form Gebäude der Stadt Braunschweig zeigt, zu hinterfragen. Dies geschah in Form eines wissenschaftlichen Symposiums am 25. Mai 2024 im Städtischen Museum.

 

Biografie von Karl Wollermann

Karl Wollermann (* 24. April 1904 in Frankfurt am Main; † 30. März 1993 in Krailling) war eng in die Kulturpolitik der Nationalsozialisten verstrickt. Während des Nationalsozialismus machte er schnell Karriere. 1937 wurde er Mitglied der NSDAP. Von 1934 bis 1939 war Wollermann Architekt bei der Bauverwaltung eines Luftkreiskommandos in München. 1939 wurde er stellvertretender Leiter der Staatsschule für Angewandte Kunst in Nürnberg, die 1940 zur „Akademie der bildenden Künste in der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg“ wurde. Diese Institution wurde von Adolf Hitler hinsichtlich ihrer Befugnisse persönlich unterstützt. Die Akademie stand für eine Kunst, die - anders als die diffamierte „entartete“ Kunst - dem Kulturprogramm der Nazis vollkommen entsprach. Wollermann hatte als Aufsichtsratsmitglied auch eine führende Rolle in der Nürnberger Gobelin Manufaktur GmbH (NGM) inne. Die NGM produzierte während der Zeit des Nationalsozialismus zum Beispiel Gobelins für das Reichsparteitagsgelände oder das Kasino der SS-Kaserne in Nürnberg.

Im Mai 1941 erfolgte durch den Präsidenten der Reichskulturkammer Wollermanns Berufung zum ehrenamtlichen „Landesleiter der Reichskammer der bildenden Kunst Gau Franken“. Als „Landesleiter“ sorgte er dafür, dass Kunstausstellungen in seinem „Gau“ den Maximen des „hrers“ genügten. Zudem kontrollierte er die mit Berufsverbot belegten „entarteten“nstlerinnen und Künstler in ihren Ateliers. 1942 schließlich begutachtete Wollermann als „Landesleiter“ von deportierten Jüdinnen und Juden geraubte Kunstgegenstände hinsichtlich ihrer musealen Verwertung. Wollermann war also an der Beraubung von verfolgten Jüdinnen und Juden mittelbar beteiligt.

Nach dem Krieg wurde Wollermann als „Belasteter“ von allen seinen Aufgaben entbunden. Die Hälfte seines Vermögens wurde eingezogen, er wurde zu einer eineinhalbjährigen Haft in einem von den Alliierten geführten Arbeitslager verurteilt. 1949 wurde er in einem nunmehr deutschen Spruchkammerverfahren als bloßer Mitläufer rehabilitiert. Im Jahr 1951 wurde er trotz seiner Funktionen im NS-Staat zum Leiter der Werkkunstschule in Braunschweig, der Vorgänger der heutigen Kunsthochschule HBK, berufen.

 

Beauftragung Wollermanns mit dem Entwurf und der Herstellung eines Wandteppichs für die Große Dornse

Am 17. Februar 1959 erhielt Karl Wollermann durch den Auftragsvergabeausschuss der Stadt Braunschweig im Rahmen eines Wettbewerbs den Auftrag, einen Wandteppich r die Große Dornse im Altstadtrathaus zu gestalten und produzieren zu lassen. Neben „technischen und künstlerischen“ Aspekten wurden akustische Gründe für die Anbringung eines Gobelins angeführt. Der Teppich wurde in einer Werkstatt in Itzehoe gefertigt. Anfang 1960 wurde die Große Dornse, geschmückt durch den Wandteppich, nach kriegsbedingten Sanierungsarbeiten feierlich wiedereröffnet.

 

Wissenschaftliches Symposium zur Rezeption von NS-Kunst in der Bundesrepublik 

Um eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die weitere Verwendung des Wollermann-Teppich zu schaffen, wurde am 25. Mai 2024 im Städtischen Museum ein Symposium unter dem Titel „Zum Beispiel Braunschweig. Zur Rezeption von NS-Kunst von 1945 bis heute durchgeführt. Im Zentrum des Symposiums stand die Frage, wie mit dem sog. Wollermann-Teppich umzugehen sei.

Das Symposium war das Ergebnis kritischer mündlicher Anfragen der SPD-Fraktion im Ausschuss für Kultur und Wissenschaft (AfKW) zum Wollermann-Teppich und zur NS-Biografie des Künstlers. Zudem wurde die Thematik seitens der Bürgerschaft über die Ideenplattform der Stadt an die Verwaltung herangetragen und der Umgang mit dem von einem NS-Künstler entworfenen Teppich hinterfragt.

Im Rahmen der Tagung hielten renommierte kunsthistorische Expertinnen und Experten Vorträge zur Kunst des Nationalsozialismus und deren Zeichensystemen, zur Nürnberger Gobelin-Manufaktur, für die Karl Wollerman tätig war, sowie zu den Nachkriegsbiografien im Nationalsozialismus hoch dotierter Künstlerinnen und Künstler. Die Expertenrunde sprach kein eindeutiges Votum für oder gegen die Entfernung des Teppichs aus der Dornse aus. Die Meinungen waren geteilt. Einig war sich die Expertenrunde aber in der Hinsicht, dass der Teppich in jedem Fall in augenfälliger Weise kontextualisiert und kommentiert werden müsse. So solle der Öffentlichkeit verdeutlich werden, dass eine kritische Reflexion des Werdegangs des Künstlers, der ein exponierter Vertreter der NS-Kulturpolitik war, und dessen Beauftragungen in der Nachtkriegszeit stattfinde.

 

Motivik des Teppichs

Der Wandteppich enthält keine offene oder versteckte Symbolsprache, die ihn inhaltlich in die Nähe der NS-Ideologie rücken würde. Dargestellt sind in stark abstrahierter Weise drei Braunschweiger Stadtkirchen, Dom St. Blasii, St. Katharinen und St. Andreas, sowie zwei weitere stadtbildprägende Gebäude, die Liberei und die „Alte Waage“, die zur Entstehungszeit des Teppichs noch nicht wieder aufgebaut waren. Die Farben sind dem Kolorit der späten 1950er, beginnenden 1960er Jahre entsprechend gestaltet. Der Erhaltungszustand ist, soweit erkennbar, gut.

 

Vorschlag zur Kommentierung und Kontextualisierung mittels QR-Code-Teppich

Wird der Teppich nicht abgehängt, muss dessen „auratische“ Wirkung, die jedes Kunstwerk für sich in Anspruch nehmen darf, gebrochen werden. Obwohl der Teppich keine NS-Ästhetik aufweist, verweist er doch durch die Biografie des Künstlers auf das NS-Regime. In dieser Hinsicht sind eine Kontextualisierung und Kommentierung des Objekts vonnöten. Um die „auratische“ Wirkung zu stören und eine Erläuterung zum sog. Wollermann-Teppich zu gewährleisten, soll auf den großformatigen Teppich ein mit einem QR-Code bedruckter, ca. 1m x 1m messender Teppich angebracht werden. Der auf dem Teppich angebrachte „Störer“ ist aufgrund seiner Größe im ganzen Raum als QR-Code erkennbar. Wird der Code gescannt, gelangt der Nutzer auf eine Website des Städtischen Museums mit Informationen zu Wollermann, zur Objektbiografie des Teppichs und zu genanntem Symposium. Durch den QR-Code-Störer, der aus demselben Material wie der Wandteppich besteht, ist dessen „Wirkmacht“ als Kunstwerk eines NS-Künstlers nicht mehr gegeben.

Die Kosten sind auf ca. 2.500 Euro anzusetzen.

 

Die Beschlussfassung ist entscheidend dafür, dassglichst zeitnah, noch im Jahr 2024, die Kontextualisierung im vorgenannten Sinne vorgenommen, der QR-Code aktiviert und das Teppichquadrat angebracht werden kann.

Der Beschlussvorschlag ist als temporäre Lösung gedacht. Der Weg ist dann frei, über weitere Schritte im Umgang mit dem Teppich nachzudenken.

 

 

Quellen

Pascal Metzger: Die Nürnberger Kunstschule im Nationalsozialismus - Eine Akademie für die Stadt der Reichsparteitage. In: Geartete Kunst. Die Nürnberger Akademie im Nationalsozialismus. Ausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände - Museen der Stadt Nürnberg, Nürnberg 2012, S. 87, zit. nach Friedrich Walz: Zwei Wandteppiche in Braunschweigs guten Stuben - Teil 2: Kritische Fragen, Online-Publikation des Braunschweigischen Geschichtsvereins, https://histbrun.hypotheses.org/3213. Hinweis: Walz´ Artikel bietet eine grundlegende Übersicht zum sog. Wollermann-Teppich.

 

Jürgen Weber: Das Narrenschiff, Kunst ohne Kompass. München 1994, S.20f., zit. nach Friedrich Walz, op. cit, Teil 3: Versäumnisse.


 

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Anlagen

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